Zu den Künstlern, deren Musik im Moment häufiger über meine Lautsprecher in die Umwelt abgegeben wird, gehört die englische Band Pink Floyd. 1979 erschien das Konzeptalbum The Wall, welches maßgeblich vom Bassisten und Sänger der Band, Roger Waters verfasst und konzipiert wurde. The Wall wurde, einer aufwändigen (um nicht zu sagen: der aufwendigsten überhaupt) Bühnenshow geschuldet, 1980/81 nur in vier Städten weltweit aufgeführt und 1982 mit dem Live-Aid-Initiator Bob Geldof in der Hauptrolle verfilmt (Hier kann man sich den kompletten Film auf YouTube anschauen). Die wohl bekannteste Szene des Film ist die Tricksequenz, in der eine Armee von Hammern zum Titel Waiting for the Worms durch eine Ruinenlandschaft marschiert.

1990 kam es zu einer letzten Aufführung des Bühnenstücks, nämlich in Berlin. Einer Anekdote nach sagte Waters einige Monate vor dem Fall der Mauer 1989 eher im Scherz, dass er The Wall wenn überhaupt erst wieder aufführen würde, wenn die Berliner Mauer gefallen ist. Nunja, keine vier Monate später war es soweit, und Rogers hielt sein Versprechen: Am 21. Juli 1990 wurde The Wall in Berlin am Potsdamer Platz mitten auf dem gerade geräumten „Todesstreifen“ und, da vor der „Wiedervereinigung“ in zwei Staaten gleichzeitig, aufgeführt. Es ist schon ein bewegender Moment, wenn 300.000 Menschen den Satz „Tear down the Wall!“ singen, und das in Berlin in einer Zeit, als der letzte Mauerstein noch nicht den Boden berührt hat. Meine Meinung ist jedoch, dass man „The Wall“ nur mit sehr viel Phantasie als eine Allegorie auf den so genannten „Antifaschistischen Schutzwall“ ansehen sollte. In der Geschichte geht es um einen vaterlos aufgewachsenen und von seiner Mutter verhätschelten jungen Mann namens Pink, der mangelnde Zuneigung dadurch verarbeitet, dass er um sich herum eine Mauer errichtet, die jegliche Emotionen draussen halten soll und durch diese emotionale Isolation zu einem faschistischen Agitator wird. Am Ende sieht er jedoch, dass er menschliche Regungen nicht vollends abschalten vermag und stellt sich mental einem Gerichtsverfahren, bei dem er dem Zeigen menschlicher Emotionen für schuldig befunden und verurteilt wird, die Mauer in seinem Kopf niederzureißen.

Auch, wenn man weder Album noch Band kennt (was aus meiner Sicht unbegreiflich ist, nur nebenbei bemerkt), sollte zumindest ein Lied aus diesem Album in allerman und -frau Ohren sein: Another Brick in the Wall, Pt. 2. Im größeren Kontext geht es in dem Lied darum, dass die Unterdrückung in der Schule (im England der 50er Jahre) letztlich nur einen kleinen Stein in der Mauer um die Emotionen des Protagonisten darstellt, die aus Enttäuschungen und Rückschlägen aufgebaut ist (All in all you’re just another brick in the wall). Pink und später die Schüler beklagen sich über die zynischen und kontrollierenden Methoden der Lehrer (We don’t need no thought control // no dark sarcasm in the class room) und das belehrende Schulsystem an sich (we don’t need no education, hey teacher, leave us/them kids alone).

Mal abgesehen von der symbolischen Bedeutung des Liedes sind vor allem einige sprachliche Besonderheiten im Text und seinem Aufbau interessant: Zum einen hätten wir da die doppelte Negierung: „We don’t need no education“ heist wörtlich übersetzt wir brauchen nicht keine Bildung. Im Deutschen würde das als „wir brauchen Bildung“ verstanden werden, im Englischen bedeutet es dagegen, „wir brauchen keine Bildung“. Im englischen Sprachraum wird der doppelte Negativ oft als schlechter Stil angesehen. Die Autoren der englischen Sitcom „The IT Crowd“ verarbeiteten dies in einer Folge so: Die eine Hauptperson Roy sitzt am Computer und singt die ersten Zeilen des Liedes vor sich hin woraufhin sein (realitätsfremder Nerd-Klischee-Informatiker-) Kollege Ross einwirft: Yes, you do! You just used the double negative. Ich bin sicher, dass Rogers diese Konstruktion nicht nur aus rythmischen Gründen verwendet hat, unterstreicht sie doch leicht ironisch die Eingabe, dass man keine Bildung brauche. Aus linguistisch angehauchter Sicht stimme ich dem zu: Jedes explizite Lernen von sprachlichen Konventionen, also das Lernen von Wendungen und Regeln, die man nicht beim natürlichen, impliziten Spracherwerb mitbekommt und daher explizit lernen muss, behindern die natürliche Entwicklung einer Sprache, sowohl auf den Sprecher bezogen, als auch auf die Einzelsprache an sich.

Doch es gibt noch eine Sache, die an Another Brick in the Wall, Pt. 2 auffällt, auch wenn sie vielleicht wenig überraschend sein mag: Die Trennung des Wortes another im „Refrain“: Im Lied wird das Wort a.nother getrennt („all in all you’re just a- // nother brick in the wall“), rein semantisch betrachtet wäre aber an.other wohl die logischere Wahl. Another ist eine grammatikalisierte Konkatenation der beiden Wörter a und other. Aufgrund phonologischer Eigenschaften des Englischen wird in dem Falle, dass das auf den unbestimmten Artikel a folgende Wort mit einem Vokal beginnt, das Allomorph an verwendet. So heisst es z.B. a duck (eine Ente, kein „n“) aber an apple (ein Apfel, mit „n“, da apple im Gegensatz zu duckmit einem Vokal beginnt). Bei another haben wir es also mit einem zusammengesetzten Wort aus dem unbestimmten Artikel a in seiner Vor-Vokal-Variante an und other (etwa: anderes) zu tun. Dennoch wird das Wort (zumindest im Lied) nicht an-other getrennt, sondern vor dem n. Wie ist das zu erklären?

Auch hier spielt die Phonologie eine wichtige Rolle: Silben tendieren in (fast) allen Sprachen dazu, einen Onset zu haben, also einen Konsonanten, der dem Vokal (oder einem anderen Konsonanten) im Silbengipfel vorangeht. Im Standarddeutschen beispielsweise wird Wörtern, die auf einen betonten Vokal beginnen stets ein glottaler Plosiv vorangestellt, also ein Glottisschlag, für den es in der deutschen Orthographie allerdings kein Graphem (also einen Buchstaben, der diesem Laut entspricht) gibt. So sagen wir nicht [abɐ] („aber“), sondern [ʔabɐ], auch wenn wir den Laut ʔ nie mitschreiben. Würde man nun another semantisch (oder morphologisch) trennen, würde der Bestandteil other auf einen Vokal beginnen, was tendentiell aus eben diesen phonologischen Gründen eher schlecht und „dispreferiert“ ist. So sagen wir im Deutschen z.B. auch [baŋ.kən] (Banken) statt, wie man es vielleicht morphologisch erwarten würde, [baŋk.ən]. Auf der anderen Seite würde niemand im Englischen auf die Idee kommen, das Wort inactive als i.nac.tive zu trennen, wie auch im Deutschen eher ab.ar.bei.ten statt a.bar.bei.ten gesagt wird. Es scheint sich also die Silbentrennung an Präfixen tendentiell anders zu verhalten als die bei Suffixen. Was another betrifft, kann man nun mehrere Schlüsse ziehen: Die wohl unspektakulärste ist, dass another vollständig grammatikalisiert ist, die etymologischen Bestandteile des Wortes für den Sprecher (i.e. Roger Waters bzw. seinem Kinderchor in „Another Brick in the Wall“) nicht mehr ersichtlich sind und daher nicht in die Kategorie „Wort mit Präfix“ fallen. Interessanter wäre die Schlussfolgerung, dass es sich bei der Realisierung von another im Lied um eine Ausnahme von diesen Regeln handelt, obwohl sie die formalen Voraussetzungen (Wort other mit Präfix a(n)) erfüllt. Was eine Ausnahme von einer Regel nun für die Regel selbst bedeutet, mag sich jeder selbst überlegen, ich bin sicher, die Meinungen gehen auseinander, je nachdem, ob man eher funktional-typologisch oder eher formal-theoretisch veranlagt ist.

Zum Abschluss noch eine kleine Urban Legend über Another Brick in the Wall, Pt 2: Diese besagt, dass der Kinderchor in der Textzeile, die eigentlich all in all you’re just a- heissen sollte, tatsächlich Hohl ihn, hohl ihn unter’s Dach (auf Deutsch) singt. Dies ist eine Anspielung auf das Schicksal des Produzenten von „The Wall“, der sich vor Fertigstellung wegen Eheproblemen auf dem Dach des Tonstudios erhängt haben soll. Eine andere Version besagt, dass der verantwortliche Tontechniker früher Erzieher in einem deutschen Kinderheim gewesen sei, in dem Kinder auf dem Dachboden gequält wurden…

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