In letzter Zeit ist es etwas ruhig geworden im Linguistiker-Weblog. Nicht, dass es nichts zu kommentieren gäbe, was mich im Moment persönlich beschäftigt:

Da hätten wir beispielsweise die Tatsache, dass eine des (inzwischen zweifachen) Plagiats überführte Jungautorin nun aufgrund der erweiterten Publicity wahrscheinlich endgültig die Spitzen der Bestseller-Charts stürmen wird. Oder die überschwänglich-utopischen Gedankengänge, die ich habe, seit ich vor ein paar Tagen über das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens las (welches ich seither nahezu militant unterstütze). Oder ich könnte über meine neuerliche, durch das Schreiben meiner (subjektiv betrachtet inhaltlich wie argumentativ völlig misslungenen) BA-Arbeit bedingten Sinnkrise bzgl. der Linguistik schreiben, welche nicht die Sinnhaftigkeit linguistischer Forschung per se in Zweifel zieht, sondern vielmehr die Frage stellt, ob ich in diesem an sich sehr interessanten und wichtigen Forschungszweig tätig sein will (oder vielmehr kann). Ein anderes Thema, was mich im Moment beschäftigt, betrifft die Frage, wie wohl die gesellschaftliche Zukunft einer vernetzten Welt aussehen mag. Oder ich könnte über die Filme von David Lynch schreiben, die im Grunde alle dem Schema „Ich halte meine laufende Kamera auf ein paar Schauspieler, die machen, was sie wollen, schneide das Ganze irgendwie zusammen und überlasse dem Zuschauer die Konstruktion einer zusammenhängenden Geschichte“ zu folgen scheinen. Oder ich könnte zum eigentlichen Zweck dieses Blogs zurück kehren und versuchen, dem interessierten Laien den Sinn und die Methodik sprachwissenschaftlicher Forschung nahe zu bringen.

Alles Themen, über die ich ganze Bücher schreiben könnte (ohne Plagiarismus…). Dass ich das aber nicht tue, hat im Moment vor allem einen Grund: Keine Zeit. Meine aktuelle Aufgabe in dem Forschungsprojekt, in dem ich im Moment angestellt bin, liegt darin, zwei Programme zu schreiben.

Das eine ist eine Erweiterung für MediaWiki, die eine Art Literaturverwaltung darstellt und eigentlich schon vor zwei Wochen hätte fertig sein sollen. Im Grunde wird das eine Art BibTeX für Semantic MediaWiki, mit allem Komfort und denselben Funktionen, wie man sie von der TeX-Erweiterung kennt: Das Einbinden von Quellenverweisen mittels Befehl + Schlüssel und der automatischen, kontextsensitiven Formatierung; das (automatische) Einbinden der entsprechenden Referenzen am Ende der Wikiseiten; die Sammlung der gesammten Meta-Daten einer Literaturangabe auf eigenen Seiten mit der Möglichkeit, diese Literatur zu kommentieren; verschiedene wählbare Zitations- und Referenzstile, usw. Ich sollte vielleicht dazusagen, dass das weit mehr ist, als ich eigentlich machen sollte: gewünscht war nur eine Literaturverwaltung im Rahmen des Software-Frameworks, dem beispielsweise die Wikipedia zu Grunde liegt. Da ich aber der Meinung bin, dass ein solches Programm der Allgemeinheit zu Gute kommen sollte, wollte ich gleich was richtiges machen und es im Anschluss als MediaWiki-Extension ins Netz stellen, damit auch andere von den Ergebnissen „linguistischer“ Projektarbeit profitieren können. Und ja, ich weiß, dass es solche Erweiterungen bereits gibt, die funktionieren aber allesamt nicht in dem Umfang, wie ich es mir vorstelle, weshalb ich from scratch etwas komplett Eigenes entwickele: Semantic BibWiki.

Das zweite Projekt, an dem ich gerade (nebenbei und vor allem im Anschluss an Ersteres) arbeite, wird eine online-Plattform für (flexions-)morphologische Daten. Also eine Webseite, auf der Flexionsparadigmen (in ferner Zukunft) aller Sprachen der Welt gesammelt und visuell manipuliert werden können. Das soll dann in etwa so aussehen: Man sucht sich in der Datenbank ein Flexionsparadigma seiner Wahl und erhält dann die Möglichkeit, bestimmte Dinge in diesem Paradigma visuell zu verändern, beispielsweise gleichlautende Morpheme in den einzelnen Zellen des Paradigmas mit der selben Farbe einzufärben. Oder die Tabellen so umzuformen, dass Zellen mit demselben Inhalt möglichst nahe beieinander stehen. Oder man soll einzelne Zellen aus Pardigmen verschiedener Sprachen so zusammenstellen können, dass nur die Zellen angezeigt werden, in denen Morpheme vorkommen, die aller Voraussicht nach aus dem selben Proto-Morphem heraus entstanden sind. Klingt kompliziert. Ist es auch. Erst recht, wenn man so ein Programm schreiben soll… Man kann sich einige dieser Funktionen hier anschauen. Das Endprodukt soll aber von MediaWiki losgelöst sein und eine eigenständige Webanwendung darstellen.

Da beide Dinge im Moment meine volle Aufmerksamkeit verlangen — und ich nebenbei ja auch noch ein wenig zu studieren habe — muss(te) ich das Schreiben im Blog erstmal etwas zurückfahren. Von ruhigen Zeiten kann ich also im Moment nicht unbedingt sprechen/schreiben, auch wenn es hier im Blog wohl noch eine Weile etwas ruhiger wird zugehen werden. Trotzdem sind schon größere Blog-Projekte in Planung: Zur Leipziger Buchmesse im März werde ich mich mit meinem Diktiergerät bewaffnen, die Verleger und Autoren der Welt zu google books, Urheberrecht und anderen „Nebensächlichkeiten“ befragen und das Ganze dann hier mehr oder weniger umfangreich wiedergeben und kommentieren. Aber versprechen will ich das lieber nicht.

Advertisements