Bei meinem allmorgentlichen Ritual, meine abonierten Newsfeeds zu lesen, stieß ich heute auf diesen interessanten Blogeintrag, der mich auf etwas zum Nachdenken anregte. Was ist es, was das Internet zu einem solch revolutionären Medium hat werden lassen, welches derzeit die ganze gesellschaftliche Ordnung umzubrechen scheint? Überlegen wir uns dazu, wie eine Welt ohne Internet ausgesehen haben könnte. Allzuweit zurückblicken müssen wir dazu nicht, es reicht, 20 Jahre in die Vergangenheit zu reisen, wie es der Autor im eingangs genannten Blog tat.

Zwar gab es bereits seit Ende der 1960er Jahre die Möglichkeit, mehrere Rechner – zunächst im militärichen Bereich – miteinander zu verbinden und untereinander kommunizieren zu lassen; Und auch im wissenschaftlichen Bereich wurden Rechner seit den 1970ern miteinander verknüpft; so richtig begann das Zeitalter des Internets aber erst 1989 mit der Einführung des World Wide Web durch Tim Berners-Lee. (Wer sich für die Geschichte des Internets näher interesiert, sei auf den ausführlichen Abriss der Geschichte des Internets in der Wikipedia verwiesen)

Wie haben also Menschen miteinander kommuniziert, als es noch kein Internet, wie wir es heute kennen, gab? Neben der Möglichkeit der persönlichen Unterhaltung vor Ort oder über Telefon und ähnlichem, gab es die Möglichkeit, bestehende Massenmedien zu nutzen. Da wären zu nennen Zeitungen, Radio und Fernsehen. Wer also anderen etwas mitteilen wollte, musste diese bestehenden Dienstleistungen nutzen und damit den Weg über einen Vermittler gehen, sei dieser Vermittler ein Leserbrief-Redakteur oder ein Moderator, der einen Anrufer oder Studiogast auswählt. Wenn jemand jemanden also etwas mitteilen wollte, konnte er es auf diesem Wege nur erstmal einem einzelnen mitteilen, und der entschied dann darüber, ob der Mitteilungsbedürftige sein Anliegen verbreiten durfte oder nicht, auf welche Weise und in welchem Unfang er das durfte.

Seit der Einführung des Internets und seiner Verbreitung hat sich das grundlegend geändert. Mitteilungsbedürftige Menschen sind nun nicht weiter auf Mittler angewiesen, sie können vielmehr ohne Aufwand selbst ihre Anliegen in die Öffentlichkeit einbringen. Dabei war es nur zu erwarten, dass die etablierten Medien dem Internet eher ablehnend gegenüberstehen, da sie, zumindest was ihr Oligopol als Meinungsmittler und -filterer betrifft, schlicht überflüssig werden. Statt der Redaktion eines Mediums zu überlassen, welche Informationen wen erreichen, liegt es nun mehr beim Konsumenten zu filtern und zu wählen.

Dies lässt sich nun selbstverständlich auch auf andere Bereiche übertragen, in denen Vermittler historisch bedingt eine Rolle spielen. Seien es Verlage, Plattenlabels oder Filmverleiher, alle lebten davon, dass sie als einzige über eine Infrastruktur verfügten, die ein Erreichen möglichst vieler Menschen ermöglichte. In Ermangelung vorhandener Alternativen mussten Menschen, die etwas an andere Menschen zu bringen hatten, seien es Musikstücke, Bücher, wissenschaftliche Arbeiten oder Filme, auf diese Vermittler zurückgreifen.

Doch auch diese sind mit Einführung des Internets weitestgehend obsolet geworden. Erfolge von Videoplattformen wie youtube, Tauschbörsen und P2P-Netzwerke, open access, zeigen, dass der Zugang zu Informationen nicht weiter von Vermittlern und Verwertern abhängig ist. Dem Konsumenten ist es dabei anscheinend egal, ob er sich einer Gefahr der Illegalität aussetzt. Musikstücke und Filme werden trotz Kriminalisierung in offnen Netzwerken verteilt, verwertungsrechtlich geschützte Filme werden trotzdem bei youtube eingestellt, Printmedien werden trotzdem eingescannt und verbreitet ohne sich um das Wort von Verwertern zu scheren.

Ein anderer Weg, sich Gehör zu verschaffen, bestand vor dem Internet darin, selbst eine Infrastruktur zu schaffen, die ein Erreichen möglichst vieler Menschen ermöglichte. Dies konnte beispielsweise durch Veranstaltungen erreicht werden, die aber dennoch nur einen begrenzten Personkreis erreichte. Wollte man Gleichgesinnte zusammenbringen, gab es die Möglichkeit Vereine und ähnliche Interessengemeinschaften zu gründen (Wobei ich hier lokal begrenzte Interessen ausblenden möchte; materielle Vereinigungen wie Kegelvereine, Vereine zur Pflege des Hinterwald-Parks und ähnliches wird man durch das Internet nicht ersetzen können). Kommunikation untereinander erfolgte dann bei Vereinstreffen und ähnlichem. Die Kommunikation nach Außen, um auch andere, Außenstehende zu erreichen, erfolgte über Publikationen und Öffentlickeitsarbeit. Doch auch hier war ein erheblicher Aufwand zum Erschaffen einer Infrastruktur notwendig, bevor man sein Anliegen an eine große Masse herantragen konnte. Das geht los bei der örtlichen Bürgerinteressenvertretung über Umweltschutzverbände bis hin zu politischen Parteien und darüber hinaus.

Die Zukunftsaussicht geht dahin, dass auch diese Strukturen in absehbarer Zeit mehr und mehr überflüssig werden. Soziale Netzwerke und Gruppen darin, Foren und Plattformen bieten eine bequeme Alternative zum physischen Zusammenschluss. Und sie erlauben eine bis dahin ungekannte Diversität bei der Durchsetzung der Interessen des Einzelnen. War früher die Mitgliedschaft in mehreren Vereinen und Interessengemeinschaften mit erheblichem Aufwand verbunden, genügen heute ein paar Mausklicks um sich mit einer breiten Masse von Themen in Verbindung zu bringen und Ideen auszutauschen, ja in gewissem Maße auch Einfluss geltend zu machen.

Als konkretes Beispiel soll mir im Moment die Internetplatttorm des Petitionsauschusses des Bundestags dienen, bei der jeder Bürger der BRD sein Anliegen einbringen kann. Die Möglichkeit per Petitionen politische Ziele ind er BRD zu thematisieren, gibt es solange es die BRD selbst gibt, dennoch möchte ich den Weg einer Petition früher mit dem Weg heute vergleichen: Früher konnte man eine Petition starten und musste dann auf die Strasse oder in Vereine gehen um Mitzeichner zu gewinnen. Politischen Einfluss geltend zu machen war mit einem erheblichen Aufwand verbunden, den nicht viele in der Lage oder bereit waren aufzubringen. Heute genügen ein paar Mausklicks und ausreichend Hinweise in Webforen und ähnlichem, um eine erfolgreiche Petition zu starten. Und von dieser Möglichkeit wird rege gebrauch gemacht, auch wenn die meissten Petitionen nicht über die 5000 Mitzeichner hinauswachsen. Gegenwärtig (16. November 2009) sind 81 Petitionen in der Mitzeichnungsphase, gerade mal eine hat im Moment mehr als 2400 Mitzeichner. Grundsätzlich jedoch hat man heute wesentlich leichter die Möglichkeit, politisch Einfluss zu nehmen als in der Zeit vor dem Internet. Exemplarisch sei nur die Online-Petition gegen Internetsperren genannt, welche über Webforen und Blogs eine erhebliche Verbreitung fand und 130.000 Mitzeichner mobilisieren konnte.

Wie sieht, wenn man obige Überlegungen schluckt, die Zukunft aus? Der Claim wäre, dass sämtliche hierarchische Gesellschaftsstruktur veraltet und durch eine netzwerkartige Struktur ersetzt wird. Mittler zwischen Bieter und Interessenten von Informationen würden überflüssig. Verlage sind gerade dabei, das zu realisieren. Platten- und Filmindustrie waren da schneller und vetreiben großspurige Lobbyarbeit, die sich in Kriminalisierungskampagnen und dem Einreden eines Unrechtsbewusstseins manifestiert, um ihren in nächster Zukunft stattfindenden Untergang abzuwenden. Das letzte Röcheln eines Totgeweihten. Doch auch andere Strukturen werden verschwinden, Vereine und Interessengemeinschaften werden vollständig durch online-Plattformen oder Foren ersetzt werden, und nicht zuletzt politische Entscheidungen werden über Internetdiskussionen unter Beteiligung Aller getroffen, nicht mehr nur von einer Handvoll lobbyfinanzierter Politbonzen.

Klar wird man das alles aus heutiger Sicht als Utopie (oder Dystopie, je nachdem, wer man ist) abtun, zu sehr sind die alten Strukturen in den Köpfen verwurzelt. Ich denke aber, dass sich in 60 Jahren, wenn kaum noch ein Mensch lebt, der nicht mit dem Internet aufgewachsen ist, diese sketpische Sichtweise erheblich ändern wird.

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