Heute stand in der online-Version der FAZ ein Beitrag über so genannte Business-Sprachkurse, also Sprachkurse, die sich hauptsächlich an nicht-(mehr)-studierende Erwachsene richten. Berichtet wird über eine Frau, welche in einem „Sprachclub“ Russisch lernen will. Besonders ins Auge gesprungen ist dabei der zweite Teil des folgenden Satzes:

Keine Frage: [Die Frau] ist höchst motiviert, auch wenn ihre neue Sprache eine harte Nuss ist, vor der sogar ihre Kursleiterin gewarnt hat – es gebe außer Japanisch und Mongolisch kaum eine Sprache, die Westeuropäern schwerer falle.

Nun erwarte ich nicht, dass ein Sprachlehrer einen Überblick über die typologische Diversität unter den Sprachen der Welt hat, und vielleicht meinte sie mit Ihrer Aussage implizit auch sowas wie „es gibt […] kaum eine Sprache [die bei uns im Sprachclub angeboten wird und] die Westeuropäern schwerer falle [zu lernen als Russisch]“ – trotzdem halte ich es für vermessen, wenn ein Journalist eine solche Aussage so unhinterfragt wiedergibt.

Man könnte sich zum Beispiel fragen, ob es einem Westeuropäer leichter fallen würde, eine Sprache wie Navajo zu lernen, welche so komplex ist, dass sie von den Amerikanern im zweiten Weltkrieg verwendet wurde, um Funknachrichten zu „verschlüsseln“. Oder nehmen wir die Khoisan-Sprache ǃXóõ deren mehr als achtzig verschiedenen Klicks für einen Westeuropäer wohl nur recht schwer zu erlernen sein dürften. Oder die Bantu-Sprachen mit ihren Nominalklassen. Oder irgendeine Semitische Sprache mit ihrer für einen Westeuropäer wohl nur schwer zu durchdringendem Wurzelflektionssystem. Oder… An solche Sprachen denkt man natürlich nicht, ich würde sogar vermuten, dass die Lehrerin von einigen dieser Sprachen noch nie was gehört hat. Warum wohl?

Ich sehe hier den Einfluss einer eurozentrisch-kapitalistischen Sichtweise: Sprachen sind nur dann interessant und es wert, zum gelernt werden in Betracht gezogen zu werden, wenn deren Sprecher für einen Westeuropäer irgendwie von Bedeutung sind (es liegt nahe, dass diese Bedeutung rein wirtschaftlicher Natur ist, Stichwort: wirtschaftliche Globalisierung). Nun sind beispielsweise Navajo-Sprecher im Normalfall irgendwie (US-)Amerikaner und die USA sind für einen Deutschen wirtschaftlich betrachtet natürlich von großer Bedeutung. Warum also nicht Navajo lernen? Nun, die Bewohner der USA haben bereits eine Sprache, mittels derer man mit ihnen kommunizieren kann, noch ist das Englisch, in vielleicht 50 Jahren könnte es Spanisch sein. Ich erwarte also, dass ich, als Westeuropäer mit einem Navajo-Sprecher in englischer Sprache kommunizieren kann, wozu sollte ich dann also Navajo lernen?

Dass eine solche Einstellung wohl auch ein Grund ist, warum Sprachen aussterben, liegt auf der Hand. Dies ist aber ausnahmsweise mal ein Feld, in dem die Sprachwissenschaft, nehmen wir mal an, sie gelangt ins öffentliche Bewusstsein, von sich aus nicht allzuviel ausrichten kann. Mehr noch liegt in der Einstellung, dass das sich nicht-/Befassen mit einer Fremdsprache primär wirtschaftliche Hintergründe hat, auch ein Grund, warum die Sprachwissenschaft – und damit der Überblick über die linguistische Vielfalt in der Welt da draußen – für den Westeuropäer generell so wenig interessant ist.

Natürlich kann man nun überlegen, wer denn alles „Westeuropäer“ ist. Ich würde das nicht auf die „Bewohner Westeuropas“ beschränken, in meiner Lesart sind auch Amerikaner oder beispielsweise Australier „Westeuropäer“, sofern sie keiner gesellschaftlichen oder kulturellen Minderheit angehören. Man sollte auch nochmal hervorheben, dass der Fremdsprachendidakt, der im Artikel zitiert wurde, mit „Westeuropäer“ klar ein sprachliches Kriterium impliziert, dass den Westeuropäer auszeichnet: Wahrscheinlich ist für sie ein Westeuropäer jemand, der eine germanische oder romanische Sprache spricht und leitet über die Verwandschaften zwischen der Muttersprache des „Westeuropäers“ und der zu lernenden Fremdsprache ein Maß zur Festlegung des Schwierigkeitsgrades des Unterrichts her. Prinzipiell sollte aber der „sprachliche Westeuropäer“ in der Menge der „gesellschaftlichen Westeuropäer“ enthalten sein.

Der Rest des Artikels wärmt die alte Diskussion auf, ob es auch im Fremdspracherwerb sowas wie eine kritische Phase gibt, deren positive Antwort man, entgegen der Aussage eines der Interviewten, vielleicht nicht mit „Mumpitz“ abtun sollte. Denn auch hier muss man differenzieren, ob es darum geht, eine Sprache so zu beherrschen, dass man sie produktiv verwenden kann, oder ob man lediglich mit ihr kommunizieren können soll. Aber wenn selbst eine Professorin für die Didaktik der englischen Sprache, Literatur und Kultur an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg diese Differenzierung nicht unternimmt, wundert mich auch nicht, wenn (westeuropäischen) FAZ-Leser, die dem Wort einer Professorin einen großen Wahrheitsgehalt zuweisen könnten, ein völlig verzerrtes Bild über das Wunder Sprache generell erhalten. Ich frage mich nur, ob dieses Zerrbild der Professorin zuzuschreiben ist, oder dem „Qualitäts“-Journalisten, der ohne Hintergrundwissen vereinfacht hat.

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