Eine Genitiv- durch eine Dativkonstruktion zu ersetzen ist in der deutschen Sprache längst nichts Ungewöhnliches mehr. Und auch wenn Sick et al. es nicht so recht wahrhaben wollen, gehört dieser, im Übrigen seit langen andauernde Prozess des Wandels, zur Sprachentwicklung dazu, wie der Deckel zur Keksdose. Als ich heute morgen den aktuellen Nichtlustig-Cartoon via Newsletter bekam, stutzte ich dennoch ein wenig ob der verwendeten Konstruktion:

Quelle: Nichtlustig.de
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Künstler

Beim sprichwörtlichen „Licht am Ende des Tunnels“ handelt es sich um ein… nun ja, Sprichwort, oder im Fachjargon um einen Phraseologismus. Das sind Wendungen oder komlexe Phrasen, die als Ganzes mit einer mehr oder weniger festen Bedeutung assoziiert sind. Anders als andere Phrasen, aus denen Sätze aufgebaut sind, unterliegen Phraseologismen bestimmten Beschränkungen. Zunächst sind die verwendeten Ausdrücke fest. Aus „Er lässt die Katze aus dem Sack“ kann man eben nicht so ohne weiteres „#Er lässt den Esel aus dem Sack“ machen, außer man möchte das erzwingen, für ein Wortspiel zum Beispiel. Dazu ist aber eine gehörge Menge an Kontext erforderlich. Ebensowenig geht es, die interne Abfolge der Wörter zu ändern, also sowas wie „*Aus dem Sack lässt er die Katze “, was bei normalen Phrasen ohne Probleme möglich ist (vgl. „Aus dem Haus lässt er die Katze“). Auch sollte es nicht möglich sein, Bestandteile in einen Phraseologismus zu integrieren, die eigentlich nicht dazu gehören: „#Er lässt die gelbe Katze aus dem Sack“. In Leizig gibt es interessanterweise jedes Jahr einen „Tag der offenen Hochschultür“, auch das sollte in der Theorie sprachlich eigentlich nicht möglich sein. Noch so eine Beschränkung über Phraseologismen liegt darin, dass die grammatischen Kategorien innerhalb der Konstruktion fest sind. Mal eben „Mehrere Katzen aus dem Sack lassen“, „Die Katze aus den Säcken lassen“, oder „Die Katze in den Sack lassen“ geht also ebenso nicht ohne viel Kontext oder Wortspiele.

Damit man solche Phraseologismen anwenden und verstehen kann, muss man sie explizit lernen. Das heisst, wer den Spruch mit der Katze und dem Sack nie zuvor in seiner ideomatischen Bedeutung gehört hat, wird annehmen, dass er wörtlich zu verstehen ist. Erst, wenn er gelernt hat, dass der Spruch eben nicht wörtlich zu verstehen ist, sondern eine übertragene Bedeutung trägt, wird er im Kopf abgespeichert und ist für interne Änderungen, wie den oben genannten, nicht mehr zugänglich. Umso interessanter ist es zu beobachten, dass auch solche festen Wendungen grammatikalischen Wechseln zu unterliegen scheinen, was mich wieder zu dem obigen Cartoon zurückbringt.

Wie gesagt ist das „Licht am Ende des Tunnels“ (meiner Meinung nach) solch ein Phraseologismus. Nur wird im Cartoon nicht die Genitiv-Variante verwendet, sondern eine, die den Genitiv-Dativ-Wechsel vollzogen hat. Für mich, der ich die Genitiv-Variante gelernt habe, ist die Dativ-Variante in hohem Maße gewöhnungsbedürftig, wenn nicht gar ungrammatisch. Eine kurze Recherche bei google zeigt mir aber, dass die Dativ-Variante „Licht am Ende vom Tunnel“ mit ca. 85.000 Treffern zwar deutlich seltener anzutreffen ist als die Genitiv-Variante „Licht am Ende des Tunnels“ mit etwa 1.160.000 Treffern, aber doch eben nicht nur ein Spass des Cartoonzeichners ist, sondern sprachliche Realitäten wiederspiegelt und zahlenmäßig nicht zu vernachlässigen ist.

Mir sagt diese Beobachtung, dass die Verwendung von Dativ/Präposition in Possessorkonstruktionen (also „Das Haus vom Vater“ anstelle von „Das Haus des Vaters“) weit produktiver ist, als ich bisher annahm, wenn sogar relativ feste und starre Konstruktionen wie Phraseologismen davon betroffen sind, auch wenn Sprachnörgler wie Sick und Co. das eher mit argwohn sehen mögen.

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