Neulich hat jemand angemerkt, dass es in meinem Linguistiker Weblog zu wenig linguistisches gibt. Zeit, das zu ändern. Als ich bei der Vorbereitung meiner BA-Arbeit via google nach „Sonde + Linguistik“1 suchte, stieß ich auf Seite 2 der Ergebnisse auf diesen etwas älteren Artikel in der Welt, in dem es darum geht, dass Meeresforscher festgestellt haben wollen, dass Wale über eine Sprache mit festen grammatischen Regeln verfügen. Wie ich es bei einer Zeitung, noch mehr bei einem Springerblatt, nicht anders erwarte, strotzt der Artikel natürlich nur so vor interpretativen Besonderheiten, so dass ich mir ein, zwei Kommentare dazu nicht verkneiffen kann.

Der kurze Artikel beginnt mit diesen Worten:

Lange war für Biologen die Grammatik der menschlichen Sprache der Inbegriff menschlicher Überlegenheit.

Nun weiß ich, dass es innerhalb der Linguistik eine Strömung gibt, die sich Biolinguistik nennt. Dass Biologen generell das aber so sehen, war mir erstmal neu.

Jetzt müssen sie [Die Biologen, p.s.] die Hierarchien neu überdenken.

Ich wusste es! Alles Falsch. Der Mensch steht nicht am obersten Ende der Hierarchie… Moment mal, welcher Hierarchie denn eigentlich? Ich gehe davon aus, dass man sich mit der Hierarchie auf die menschliche Überlegenheit bezieht, an dessen Spitze der Mensch steht. Ist ja logisch…

Gemeint ist aber wahrscheinlich, dass der Mensch hauptsächlich durch seine Fähigkeit zu Sprechen eine herausragende Stellung innerhalb der Lebewesen des Planeten einnimmt. Nun, daran ist erstmal nicht zu rütteln. Oder doch?

Denn noch ein Wesen bedient sich einer Sprachstruktur, die festen Regeln und Bausteinen folgt: der Wal.

Der Satz ist so kryptisch, dass man ihn einer etwas genaueren interpretativen Analyse unterziehen sollte. Zunächst mal ist man als Leser auf sich allein gestellt zu erraten, was mit Sprachstruktur gemeint ist. Ich gehe erstmal davon aus, dass damit die Fähigkeit mit den Artgenossen zu kommunizieren gemeint ist. Der eingebettete Relativsatz soll diese Menge der Kommunikationsformen etwas einschränken. Gemeint sind nur solche, die festen Regeln und Bausteinen folgen. Dass man Regeln folgen kann, hat schon Wittgenstein in seinem Spätwerk diskutiert, ein interessanterer Punkt jedoch ist, dass man anscheinend auch Bausteinen folgen kann.

Ich will mich jedoch nicht so naiv stellen, wie ich den Durchschnittsleser eines Springerblattes einschätze. Gemeint ist mit dem Satz, dass der Wal eine akustische Kommunikationsform benutzt, deren Einheiten sich nach festen Regeln aus kleineren Einheiten (den Bausteinen) zusammen setzen lassen. Nun bin ich kein Biologe, aber so sensationell scheint mir diese Nachricht nicht zu sein. Auch Vögel zwischtern immer ähnlich Laute nach festen Mustern, auch Hunde bellen ihr „wau“ je nach Situation anders. Und selbst Bienen fliegen ihre Schwänzeltänze nach festen Schemen. Irgendwie fehlt noch was, dass die Nachricht eine wird, die Biologen und Linguisten zum Umdenken bewegen kann.

[…] Buckelwale zum Beispiel bezirzen die Weibchen mit einem ganz bestimmten Lied. Die Gesänge der Wale sind sogar regional unterschiedlich gefärbt. Sie unterscheiden sich in Tonhöhe und -folge nicht nur zwischen Walarten, sondern auch zwischen Populationen derselben Art.

Das ist etwas, was ich mit meinem Minimalverständnis von Evolutionstheorie auch erwarten würde: Dass sich bei räumlich getrennten Populationen einer Art unterschiedliche Verhaltensweisen entwickeln. Interessanter sind dabei eher die Ähnlichkeiten im Verhalten denn die Unterschiede.

Doch wie kam man zu den Erkenntnissen? Die Meeresforscher fütterten eine Software mit Aufnahmen der Walgesänge. Das

Fazit: Software und Gutachter stimmten überein, dass in den Gesängen Grundformen grammatikalischer Regeln zu finden seien. Demnach bestehen die kürzesten Informationseinheiten, man könnte sie Sätze nennen, aus sechs Elementen, die längsten bringen es auf 180 bis 400 Bausteine.

Nun müsste man natürlich wissen, was die Forscher mit Informationseinheiten meinen und wie man diese auf die menschliche Sprache überträgt um überhaupt einen Vergleich wagen zu können. Geht man tatsächlich von der Grammatik aus, würde ich sagen, dass die Wale den Menschen in diesem Punkt tatsächlich überlegen sind: Selbst wenn man noch so großzügig im Umgang mit grammatischen Kategorien ist wird man selten auf Strukturen treffen, die mehr als ein Dutzend sich einzigartig verhaltende grammatikalische Kategorien enthalten, Stichwort: Rekursion. Aus den Informationen, die der Artikel hergibt, würde ich vermuten, dass Walgesänge über genau das nicht verfügen.

Richtig haarig wird es beim Satz, der dem oben zitierten folgt:

Zum Vergleich: Ein menschliches Wort transportiert bis zu zehn Bedeutungen, je nachdem ob es in Einzahl oder Mehrzahl, Aktiv oder Passiv vorkommt, fragend oder verneinend gemeint ist.

Schrieb man vorher noch von Sätzen, wird die Zählung menschlicher Sprache hier auf einzelne Wörter reduziert. Das ist wie, wenn ich sagen würde, dass die deutsche Sprache viel komplexer ist als die englische, da in einem deutschen Satz hunderte Informationen kodiert sind, in einem englischen Verb aber nur die Zeitform und in einem von sechs Fällen Person und Numerus.

Ich denke den Autoren war sehr wohl bewusst, dass sie im einen Satz von Sätzen, im folgenden von Wörtern reden, was sie damit aber ausdrücken wollen, ist mir nicht ganz klar. Heißt das nun, dass die menschliche Sprache komplexer oder mächtiger ist als die der Wale, oder umgekehrt, zumal die Partikel „bis zu“ vermuten lässt, dass ein menschliches Wort dem Wal-Satz irgendwie unterlegen zu sein scheint? Nicht zu vergessen, dass man im einen Fall von sprachlichen Einheiten und im anderen von Bedeutungen, die kodiert sind, spricht.

Vielleicht schafft der im letzten Abschnitt zitierte Wissenschaftler Klarheit:

Ob aber die Farbigkeit und Komplexität der menschlichen Sprache tatsächlich unsere Überlegenheit zementiert, hält Studienleiter Ryuji Suzuki für fraglich:

Nun wird es aber interessant. Endlich wird die Frage beantwortet, was die Erkenntnisse der Wissenschaftler über die Stellung der menschlichen Sprachfähigkeit aussagen. Oder?

Schließlich sei die Unterwasserwelt mit der unseren nicht zu vergleichen. Unter Wasser bewegt sich der Schall viermal schneller als in der Luft – allein deshalb wäre es schon sehr verwunderlich, wenn sich die Meeresbewohner der gleichen Gesprächsformen bedienten, sagt Suzuki.

Hm, also bin ich verwirrt. Zuerst reden die Autoren davon, dass die Untersuchungen der Walgesänge Biologen zum umdenken bewegen wird, was die Stellung der menschlichen Sprache anbelagt. Dann wird hergeleitet, dass Walsprache nach festen Regeln aus kleineren Einheiten aufgebaut ist. Dann soll ein Vergleich zwischen Wal-Satz und menschlichem Wort zeigen, dass eines von beidem komplizierter ist als das andere, aber es wird nicht deutlich, was wem in welcher Hinsicht überlegen ist. Der herangezogene Wissenschaftler soll sagen, ob die hier implizit angenommene Komplexität (welche aus nichts folgt) der menschlichen Sprache ein Grund für die Überlegenheit des Menschen ist, der aber sagt, dass, aufgrund des unterschiedlichen Trägermediums der Schallwellen, Wale nicht wie Menschen kommunizieren können.

Als Ottonormalspringerleser würde ich jetzt wahrscheinlich vermuten, dass Wale über eine Sprache mit Dialekten verfügen und der Mensch wohl doch nicht aufgrund seiner Sprachfähigkeit seine herausragende Stellung in der Natur hat, sondern wegen etwas ganz anderen, ungenannten.

Wie schon so oft vorher plädiere ich hier nochmal dafür, dass Linguisten an die Öffentlichkeit gehen sollten. Die Thematik eignet sich an sich sehr schön um zu zeigen, warum die menschliche Sprache nicht mit der tierischen zu vergleichen ist. Wäre man als Autor des Artikels ein wenig linguistisch bewandert gewesen (oder hätte einen Linguisten herangezogen), hätte man mit den gegebenen Informationen genau das zeigen können. Statt dessen wurde ein undurchdringlicher Brei von willkürlich zusammengestellten Informationen dargeboten, der mehr Fragen aufwirft als er Antworten preisgibt.


1 Ja, ich weiß, dass ich eigentlich wissen sollte, was Sonden sind und dass ich auf Deutsch eigentlich gar nicht erst hätte suchen sollen, da sich eh nichts finden lässt… Asche auf mein Haupt.

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