Gerade eben schrieb Leserin Ruth einen Kommentar zu meinem etwas älteren Beitrag Der Weg des geringsten Widerstands. Ich dachte mir zunächst eine Antwort aus, diese fiel aber so lang aus, dass ich mir überlegt habe, einen eigenen Beitrag zu verfassen.

Ruth schrieb:

Generell gilt: Sprachwissenschaftler beschreiben vor allem den Zustand der Sprache und Entwicklungstendenzen.Bewerten “tun” in erster Linie selbsternannte Sprachschützer, das allerding sehr medientauglich. […]

Natürlich dürfen auch Sprachwissenschaftler die Sprache in irgendeiner Form bewerten, solange sie das Ganze nicht als Faktum ausgeben sondern eben als Meinung. Leider kommt das bei den „Sprachschützern“ nicht so rüber, was sie sagen wird als „Fakten“ verkauft, obwohl es eben nur Meinungen sind.

Das eigentlich Schlimme ist, dass Redakteure diese Leute, die es vielleicht nicht besser wissen, zu Wort kommen lassen, ohne das, was sie sagen zu hinterfragen, weil sie es wahrscheinlich selbst auch nicht besser wissen. Und dann sehe ich wieder „unsere Zunft“ in der Pflicht zu mehr Öffentlichkeitsarbeit bezüglich unseren Tätigkeiten und dem, was wir erforschen und rausfinden.

Bei uns am Institut in Leipzig scheint man sich der Problematik bewusst zu sein, angesichts verschwindend kleiner Studienbeginnerzahlen und horrender Abbrecherquoten. Als Ursache dafür wird angegeben, dass viele, die Linguistik zu studieren beginnen, nicht wirklich eine Ahnung davon haben, was man in der Linguistik eigentlich macht, dass Linguistik eben keine Geisteswissenschaft (und erst Recht keine Philologie, auch wenn die universitäre Struktur was andres behauptet) ist, sondern eine Naturwissenschaft, die sich den Methoden der Logik, Mathematik (Statistik) und Psychologie bedient. Selbst für einige im 10+x-ten Semester besteht Linguistik vordergründig aus dem Sammeln von Wörterbüchern, dem Reproduzieren von lustigen Lauten und vielleicht noch aus dem Glossieren von Daten irgendeiner exotischen Sprache.

Und da ist das Problem: Wenn selbst einige der Linguistikstudenten keine wirkliche Ahnung davon haben, was man in der Linguistik alles macht, wie soll man dann erwarten, dass das jemand weiß, der was ganz anderes gelernt hat, wie zum Beispiel Journalistik? Wie gesagt, ich glaube, bei uns am Institut (und nicht nur hier) ist man sich der Problematik durchaus bewusst, dennoch passiert kaum was in Richtung Öffentlichkeitsarbeit, zumindest nicht in dem Maße, dass bei der breiten Masse ankommt. Da helfen auch Bücher wie „Sick of Sick“ oder die gelegentlichen öffentlichen Auftritte Anatol Stefanowitschs wenig, wenn ihre Beispiele nicht die Runde machen.

Ich fragte einmal, warum Wissenschaftler ihre Arbeit verkaufen müssen, so langsam verstehe ich, warum…


Ich weiß von einigen Portalen, die von Linguisten für Linguisten sind (e.g. LinguistList, Linguist.de, etc.), aber gibt es eigentlich auch ein Portal, das von Linguisten für die breite Öffentlichkeit gemacht ist?

NB (7. Juli 2009, 23:44 Uhr MESZ): Zu diesem Beitrag existiert eine Richtigstellung, die es zu berücksichtigen gilt.

Advertisements