Der aktuell immer noch heiss diskutierte Streit zwischen Verlagswesen und google (siehe hier), der im Heidelberger Appell wohl seinen Höhepunkt gefunden hat, macht immer noch keine Anstalten abzuklingen. Immer mehr von ihren Verlagen abhängige Autoren prangern das Internet als rechtsfreien Raum an und kritisieren das Übel der Welt, das in der Form von texteraubkopierenden Blogs oder das „Urheberrecht“ missachtenden google-books-Seiten, in Erscheinung tritt. Seiten mit entsprechenden Inhalten finden sich m Netz zu Hauff, nur ein paar Beispiele sind dies, dies, dies, dies oder das hier. Da mich festgefahrene Diskussionen langweilen, möchte ich an dieser Stelle lediglich meine Sicht der Dinge darstellen:

Zunächst gibt es heute keine Art geistiger Leistung mehr, welche von einem Menschen allein oder einer überschaubaren Gruppe von Menschen ausgeht. Jedes literarische Werk, jeder philosophische Gedanke, jeder wissenschaftlicher Fotschritt basiert auf einer langen Kette von Ereignissen, Vorarbeiten und Umständen, die andere Menschen mittragen. Somit halte ich es für ausgeschlossen, dass Einzelne oder kleine Gruppen völlig aus dem Nichts heraus etwas Neues erschaffen. Auch vorher völlig unbekannte Innovationen entstehen nur, wenn die äußeren Umstände sie nötig und/oder möglich machen. Nehmen wir dazu ein paar Beispiele: Noam Chomskys „generative“ Grammatiktheorien sind (nicht nur) innerhalb der Linguistik im höchsten Maße umstritten; als Alternative dazu haben schlaue Köpfe die Konstruktionsgrammatiken, Andere daraus die kognitiven Grammatikmodelle entwickelt. Wäre diese Entwicklung ohne Chomsky möglich gewesen? Woher hat Chomsky seine Ideen, entstammen sie vollständig seinem Kopf, oder gab es vorher noch die Strukturalisten, die Form und Bedeutung sprachlicher Zeichen zu trennen pflegten? Konnten letztere ohne die Vorarbeiten anderer ihre Theorien aufstellen? Ich sage: Nein. Ein anderes Beispiel: Goethes wohl bekanntestes Werk ist der Faust. Niemand würde Goethe diese literarische Leistung absprechen, aber ist sie seine alleinige Entwicklung? Hätte er die Geschichte niedergeschrieben, wenn er als Kind nicht zufällig ein Puppenspiel mit dem Dr. Faustus gesehen hätte? Wäre das Werk in der Form entstanden, wenn eine gewisse Susanna Margaretha Brandt ihrerzeit nicht ihr eigenes Kind umgebracht hätte und dafür auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden wäre? Was waren die Umstände für diese Tat, die Goethe als Inspiration dienten, und waren diese Umstände der Frau Brandt allein zuzuschreiben? Auch hier würde ich zu dem Schluss kommen, dass der Faust letztlich eine „Leistung“ vieler Menschen ist. Zusammenfassend würde ich sagen, dass große Leistungen Einzelner in Wahrheit nur die Verkettungen mehr oder weniger glücklicher Umstände sind. Was sagt uns das über Begriffe wie „Urheberschaft“ oder „geistiges Eigentum“, ganz allgemein?

Ich gehe davon aus, dass es die folgenden Gründe gibt, etwas als was Eigenes auszugeben. Man will

  • Geld verdienen,
  • Einfluss erlangen und/oder
  • Anerkennug bekommen

Spielen wir mal kurz den Gedanken an drei Fallbeispielen durch, was wohl passieren würde, wenn kein Mensch mehr Geld mit seinem „geistigen Eigentum“ (oder dem anderer) machen dürfte, die Konvention des Gedankenspiels wäre also, dass von einem Menschen gedachte Neuerungen nicht mehr kommerziell verwertet werden dürfen.

Zunächst ein musikalisches Werk. Die Situation: ein Komponist schreibt ein Lied, dessen Partitur er den Konventionen entsprechend nicht auf Platte presst und verkauft, sondern frei zur Verfügung Aller ins Internet stellt. Nun gibt es mehrere Möglichkeiten, wie das Beispiel weitergehen könnte:

  • Erstens, das Lied ist ein eingängiger Ohrwurm, dem Publikum gefällts, sein Lied wird überall von Laienmusikern gespielt und interpretiert. Spätestens nach dem dritten Laienmusiker, der von Zweiten Musiker abgeschrieben hat, der seinerseits das Lied von einem Downloader der Partitur hat, kennt keiner mehr den Namen des Komponisten.
  • Zweitens, das Lied ist anspruchsvoll, einige wenige sind in der Lage, es zu spielen, das Lied gefällt einer ausgewählten Gruppe von Zuhörern. Die Arbeit des Komponisten wird durch die überschaubare Menge an Interpreten und das ausgewählte Publikum gewürdigt
  • Drittens, das Lied wird ein Flop, keiner mag es, die download-Zahlen bleiben im einstelligen Bereich

Stellen wir nun die Frage in den Raum, was der Komponist wohl je nach Situation als nächstes machen wird.

Als Zweites Beispiel soll die Findung eines Medikaments gegen eine x-beliebige üble Krankheit dienen. Da es per Konvention verboten ist, das Medikament kommerziell zu vertreiben, hat der Entdecker die Möglichkeit, die Formel für das Medikament entweder frei nach dem Motto „Wenn ich nichts davon hab, sollen auch andere nichts davon haben“ zu vernichten oder sie der Öffentlichkeit frei zur Verfügung zu stellen, da er sich sagt „Was solls, sonst war meine Arbeit umsonst“. Meine kindliche Naivität verhindert an dieser Stelle, die erste Möglichkeit weiterzuspinnen, also geh ich vom zweiten Fall aus: Verschiedene Pharmaunternehmen greifen die Formel auf und stellen das Medikament her. Da gemäß Konvention auch diese das Medikament nicht kommerziell vertreiben dürfen, müssen sie es verschenken (bzw. zum Selbstkostenpreis veräußern). Wir ignorieren an dieser Stelle den Umstand, dass es im hier beschriebenen Szenario wohl sowieso keine Pharma- wie auch sonst keine Unternehmen mehr geben würde, und sagen einfach, staatliche oder NGO-Pharmabehörden stellen das Medikament her; da es frei verfügbar ist, kann es weltweit hergestellt und verteilt werden, die üble Krankheit wird binnen weniger Jahre ausgerottet.

Das Dritte Fallbeispiel betrifft die neuste tolle linguistische Theorie, die in der Lage ist, die Struktur aller Einzelsprachen vollständig adequat zu erklären, jedoch keinerlei Aussagen über den Gebrauch der Sprachen treffen kann. Da die Theorie nicht in einem großen Verlag mit Pferdchen als Logo erscheinen darf, veröffentlichen die klugen Köpfe hinter der Theorie diese als oa im Internet. Binnen weniger Wochen nach der Veröffentlichung haben sich Wissenschaftler in aller Welt die Theorie angeschaut und auf der oa-Plattform ihre kommentierte Bewertung der Arbeit abgegeben. Nach wenigen weiteren Wochen haben eher pragmatisch orientierte Wissenschaftler einen gebrauchsorientierten Gegenentwurf zur Theorie entwickelt, die ihrerseits auf der oa-Plattform veröffentlich wird. (Nur ein einsamer Heidelberger Germanist wartet noch darauf, dass seine aktuelle Besprechung des neusten Bernhard Schlink-Werkes durch das langwierige peer-review-Verfahren seiner Lieblingszeitschrift kommt und hofft, dass er den vom Verlag verlangten Layout-Stil in mühsamer Word-Bastelei richtig hingekriegt hat)

Die drei vorhergehenden Beispiele sollen eines verdeutlichen: Nimmt man den kommerziellen Charakter einer Innovation, sei sie künstlerisch, wissenschaftlich oder sonstwie, weg, wird nur noch eines wichtig: die Qualität. Aber wen interessiert schon Qualität, wenn er aus minderwertigem Schrott Geld machen kann?

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