Gerade las ich mal wieder einige Abschnitte im Wikipediaartikel zum „Verein Deutsche Sprache“. Im Abschnitt „Kritik“ steht, dass

die Regulierung der Sprache durch normative Institutionen ein Randphänomen gewesen [sei], Sprache entwickele sich weitgehend eigengesetzlich.

Ich bin ja der Meinung, das müsste man etwas differenzierter betrachten: Wenn ich jetzt in die Dudengrammatik schreiben lassen würde, dass man in NP eingebettete Adjunkt-PP mit einem Marker -se zu markieren hat um strukturelle Ambiguitäten zu vermeiden („Peter beobachtet den Mann mitse dem Fernglas“ könnte dann nur noch in der Lesart, dass der Mann das Fernglas hat, verstanden werden; ohne -se müsste Peter das Fernglas haben), so wird das sicherlich auch in 100 Jahren niemand so verwenden. Auf der anderen Seite sind durch die normative Festlegung der Standardsprache bis heute Strukturen in der Sprache verhaftet geblieben, die ohne diese Festlegung schon längst in den Tiefen der Diachronie hätten verschwinden sollen.

Kaum eine Varietät des Deutschen verwendet heute noch das „wegen“ mit Genitiv-NP. Ich behaupe, dass nur die Festlegungen der Präskription dafür Sorge tragen, dass wegen+Genitiv als „grammatische Struktur des Deutschen“ verstanden wird. Und das meine ich nicht in dem Sinne, dass ein Informant, wenn er gefragt wird, sagt, dass „wegen des Mannes“ grammatisch sei, weil er im Hinterkopf hat, dass es ja im Duden steht und daher grammatisch sein muss, sondern weil er noch in der Phase des Spracherwerbs eingetrichtert bekommt, dass es grammatisch zu sein hat. Ich muste bereits in der dritten Klasse die deutschen Präpositionen mitsamt den von ihnen regierten Kasus auswendig lernen. Gehe ich davon aus, dass diese Kasus Bestandteil der Grammatik wären, die ich bis dahin gelernt hatte, wäre dieses Auswendiglernen unnötig.

Normativer Sprachzwang hält also eine semi-künstliche Grammatik am Leben, die es ohne wohl nicht geben sollte. Bleibt die Frage, ob man dieses halbkünstliche Konstrukt überhaupt als Grammatik bezeichnen sollte, einerseits ist sie in den Köpfen präsent und wird in bestimmten Situationen angewendet, ebenso kann sie jederzeit verstanden werden; auf der anderen Seite ist sie künstlich, da sie explizit gelernt werden muss und sich erst nach dem Lernen zur Grammatikalitätsbeurteilung einsetzen lässt, gleichzeitig aber nicht wie die natürliche Grammatik einer Sprache an die folgende Generation weitergegeben wird (sonst müsste man sie nicht explizit lernen).

Ich versuche mit mitunter vorzustellen, was wohl der Fall wäre, wenn die 120 Millionen Sprecher des „Deutschen“ ein indigenes Volk irgendwo im Amazonasgebiet wären und ein amerikanischer Wissenschaftler her kommt um deren Sprache zu dokumentieren. Wie viele Sprachen wird er wohl vorfinden? Was wäre es, was er in seine Referenzgrammatik schreiben wird? Würde er auf die Idee kommen, dass es in den Sprachen einen vierten Kasus neben Dativ, Akkusativ und Nominativ gibt?

Was sagt diese Überlegung über die Aussagekraft von Grammatikmodellen aus, die auf Basis normierter Sprachen erstellt werden?

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