Zu meinen morgentlichen Aufwachritualen gehört es, über die Nacht angesammelte RSS-feeds und verschiedene Blogbeiträge zu lesen. Im Perlentaucher wurde heute unter anderem auf eine Beitragsserie des SZ-Magazins der Süddeutschen Zeitung hingewiesen, in der in alphabetischer Reihenfolge verschiedene Themen aus dem Bereich „Zeitungskrise“ diskutiert werden. Der Beitrag zum Buchstaben B behandelt Blogs und wurde von Blogger Felix Salmon (siehe hier und hier) verfasst.

In diesem geht der Autor 10 „Gründe“ durch, „warum Blogs in Deutschland nicht funktionieren“. Nun bin ich mir nicht ganz sicher, ob des Autors Beitrag ironisch oder witzig gemeint ist, in jedem Fall ist sein Humor sehr subtil. Die Klischees vom hörigen Deutschen und dem „Hauptsache irgendwas schreiben“den Blogger sind ein wenig zu bewusst hochgehalten, als dass der Artikel wirklich ernst gemeint sein könnte.

Nur mal ein Abschnitt als Beispiel:

7. Blogger sind die natürlichen Außenseiter, sie sind sogar stolz auf diesen Status und sehen sich gern als die Einzigen, die im Angesicht der Macht die Wahrheit sagen. In Deutschland kommt man nicht besonders weit, wenn man sich zum Außenseiter erklärt, man gewinnt kein Ansehen – und Ansehen ist etwas, wonach fast alle Deutschen streben.

Schaue ich mir an, wie viele Blogs es gibt, so frage ich mich schon, wer dann noch die „Insider“ sind: Technorati listet im März 2008 184 Millionen Blogs weltweit, etwa 77% der Internetbenutzer lesen Blogs. Ich gehe davon aus, dass diese Zahlen inzwischen erheblich höher sind, allerdings müsste man noch die vielen inaktven Blogs abziehen. Alles in allem würde ich nicht unbedingt davon reden, dass Blogger per se Außenseiter sind.

Nun möchte ich nicht unbedingt an dem Fakt zweifeln, dass dass sich „der Deutsche“ in der Tat mit Blogs und dem Lesen derselben schwerer tut als der gemeine ausländische Internetbenutzer. Auf dieser Seitewird eine Studie von 2006 vorgestellt, die das einigermaßen zu belegen in der Lage ist (Obwohl auch hier gilt: drei Jahre sind im Computer-Zeitalter eine lange Zeit, es wäre gut möglich, dass die Zahlen heute kaum noch irgendeine Aussagekraft haben).

Was mir an den Ausführungen Felix Salmons allerdings übel aufstösst, ist das Verallgemeinern, also zum Beispiel dass fast jeder Deutsche nach Ansehen strebt und desswegen das nicht-ansehenssteigernde Bloggen meidet. Martin Haspelmath behauptet gerne mal wieder, dass viele Effekte der Morphologie reine Frequenzeffekte seien. Meine Meinung dazu ist, dass Frequenzeffekte keinerlei verwertbare Aussage machen, da die Frequenz ihrerseits Gründe haben könnte, die tiefer liegen, Frequenz also nur ein korrelierender Effekt ist, nicht aber alleinige Ursache. Ebenso verhällt es sich mit dem nach Ansehen strebenden Deutschen. Es gibt sicherlich viele verschiedene Gründe, warum Menschen nach Ansehen streben, darüber verliert der Autor jedoch kein Wort, somit bleibt sein Beitrag ein klischeebehaftetes Pamphlet ohne irgendeine weiterbringende Aussagekraft. Meiner Meinung nach. Aber so lange der Leser es unhinterfragt schluckt, ist ja in Ordnung…

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