Gerade eben sah ich auf youtube eine ARTE-Dokumentation über Kreationisten, ihrem Erfolg bei der Ausbreitung ihrer Lehren in Europa und ihrem ungleichen Kampf gegen die Vertreter der darwinistischen Evolutionstheorie1.

Um es kurz zu machen: Interviewt wurden verschiede Vertreter von Seiten der Wissenschaft, des Kreationismus und der Religion (interessanter Weise stehen die Würdenträger der katholischen Kirche auf Seiten der Wissenschaft). Es wurde von Konferenzen berichtet, auf denen Kreationisten die Evolutionstheorie verteufelten, aber auch von einer Konferenz in Salzburg, bei der Kreationisten gegen Naturwissenschaftler antreten durften. Zu Wort kamen auch Wissenschaftler, die solch ein Aufeinandertreffen zu Recht ablehnten mit der Begründung, dass jeglicher Dialog mit Kreationisten eine Aufwertung derer Standpunkte zu einer wissenschaftlich diskussionswürdigen Position darstellen würde.

Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, warum die Kreationisten so erfolgreich bei der Verbreitung ihrer Lehre sind. So erfolgreich, dass zwar in Amerika die Theoriedie Lehre vom Intelligent Design (was Kreationismus mit selbsterklärtem wissenschaftlichen Anspruch ist) nicht gelehrt werden darf, dafür aber hier in Deutschland an mehreren Schulen. Meine erste Reaktion nach dem Sehen des Beitrags war: Oh mein Gott…

Doch zurück zu den Erfolgsursachen. Einer der interviewten Wissenschaftler gab sinngemäß als Vermutung über die Gründe an, dass moderne wissenschaftliche Theorien (im Film am Beispiel der Evolutionstheorie dargelegt) zwei wesentliche Eigenschaften verfügen:

  1. Sie sind extrem spezialisiert
  2. Sie werfen bei jeder Beantwortung von Fragen und dem Lösen von Problemen neue Fragen, Lücken und Probleme auf

Zum ersten: Hier ist gemeint, dass Theorien eines Fachgebietes meist das langwierige Studium des Faches voraussetzen, bis die Theorie dem Interessierten (vollständig) verständlich wird. Die Evolutionstheorie ist nicht einfach das Modell, dass sich im Laufe von Jahrmillionen der Mensch und alle heute bekannten Lebewesen aus den Nachkommen einer einzigen (Art von) Zelle heraus entwickelt haben. Dazu gehören Einzelhypothesen, wie es zu Veränderungen kommt, unter welchen Umständen sich veränderte Individuuen gegenüber ihren unveränderten Artgenossen durchsetzen, in welcher Reihenfolge die Veränderungen stattfanden, und so weiter. Alles in allem ein viel zu komplexes Feld, als dass man es mal eben in der Werbepause zwischen Talkshows und Realitysendungen im Fernsehen nachlesen (und verstehen) könnte.

Zum zweiten: In den Köpfen der Menschen ist aus irgendwelchen Gründen immer noch eingebrannt, dass die Naturwissenschaft ultimative Antworten liefern kann. Wenn es ein Problem gibt, wird ein Wissenschaftler angerufen, der löst es. Kommt es doch mal zu Unstimmigkeiten muss die gesamte Theorie falsch sein, dann müssen einfachere Lösungen her. Dass es aber darum geht, sich einer Wahrheit anzunähern als sie zu finden (was unmöglich ist), entzieht sich der Kenntniss der Meisten. Da ist es natürlich einfacher, eine Lehre zu glauben, die keine Fragen offen lässt, dafür aber auf die Märchenwelt der Religion zurückgreifen muss.

Doch was hat das Ganze mit Linguistik zu tun? Als ich die Dokumentation sah, kam mir der Kommentar von JanWo auf meinen letzten Beitrag ins Gedächnis:

Wobei diese fachliche Differenzierung2 dem normalen, weder linguistisch noch biologisch vorgebildeten Leser wohl auch egal sein dürfte

Dem Laien ist es egal. Ihm ist auch egal, was eine Pidginsprache ist, oder wie Sprachwandel funktioniert, oder was ein paar Fremdworte in einer Sprache auslösen (nämlich nichts). Also legt er sich mit seinem begrenzt vorhandenem Wissen eine einfache Hypothese über das Funktionieren der Welt zurecht (oder in dem Falle über das der Sprache) und lässt sich vor laufenden Kameras in einer Sendung zum Thema Denglisch zu Aussagen hinreißen, wie

Pidgin ist ja eine Sprache mit einer reduzierten Grammatik, mit einem reduzierten Vokabular; 500 Wörter, einigen simplen Regeln, mit dem man in der Karibik Fische kaufen kann, oder Bananen, Äh, verladen […] das heisst, indem wir diese Pidginsprache benutzen begeben wir uns auf das Niveau von Bananenhändlern hinab, und wer will denn das?3

Wieder andere glauben, dass die Anwendung der Quantentheorie Zeitreisen möglich macht, weil sie keine Ahnung von Quantentheorie haben.

Drei Beispiele aus dem alltäglichen Irrsinn, den sich Laien ausmalen wenn sie von einer Wissenschaft nichts verstehen, sei es das Hinzudichten des Einflusses eines intelligenten Designers bei der Entstehung der Arten, das Herabwürdigen von Sprachen aufgrund eines vereinfachten Verständnisses dessen, was Sprache ist, oder durch das Fehlinterpretieren von Theorien aufgrund ungenügender Beschäftigung mit der Materie und Antimaterie.

Für mich stellen sich nun vor allem zwei Fragen: Erstens, warum machen die Menschen sowas und zweitens könnten sie denn anders, wenn sie wollten?

Zum ersten denke ich, dass die Menschen einfach gerne im Mittelpunkt stehen wollen und möglichst viele andere Menschen um sich scharen wollen. Also denken sie sich einfach zu verdauende Theorien und Leeren aus, die man gerne glaubt und die möglichst wenig offen lassen, an dem man selbst knabbern und scheitern könnte. Und schon hat man eine treue Anhängerschaft. Und wer ist schon nicht scharf auf Macht, Einfluss und darauf, möglichst leicht, locker und unbeschwert durchs Leben zu wandeln, immerhin reden wir über Angehörige der Gattung „Mensch“.

Zum Zweiten glaube ich, dass es heutzutage unmöglich ist, ein Universalgenie zu sein. So kann es vorkommen, dass ein Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik, der sich auf seinem Gebiet sicher bestens auskennt und dort gute Arbeit verrichtet, ein hanebüchnes Verständnis von Pidginsprachen entwickelt, was schlichtweg nicht sein Bereich ist und mit dem sich näher auseinanderzusetzen ihm die Zeit fehlen wird. Vielleicht ist ein Ausweg Vertrauen: Lassen wir die Biologen ihre Evolutionstheorie erforschen, lasst uns Linguisten die Sprache differenziert betrachten, lasst den Physiker ihre Dimensionen und glaubt ihnen, der Fortschritt findet intern statt, nicht im Großen und Ganzen. Aber Vertrauen ist ja… wie gesagt: Mensch.

Der Fluch des wissenschaftlichen Fortschrittes ist es, dass er zu weit fortschreitet, als dass die Menschen den Gesamtüberblick behalten könnten. Bleibt zu hoffen, dass dieser Umstand nicht eines Tages der Todesstoß der Wissenschaft ist, wenn einseitig gebildete Leute zu denen gehören, die festlegen, was Wissenschaft ist und was nicht. Wir sind auf dem besten Weg dahin, siehe die eingangs genannte Dokumentation und die darin genannten Politiker, welche die Intelligent Design-Lehre als wissenschaftliche Theorie zu etablieren in Betracht ziehen. Ich warte schon darauf, bis Forschungsgelder nur noch für Projekte bewilligt werden, die das Kernaussagen wie „Schutzstrategien für die bedrohte Deutsche Sprache“ zum Thema haben. Ich sehe schwarz…


1 Teil 1,Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5.
2gemeint ist die nötige Differenzierung zwischen dem arbiträren und dem strukturalistischen Teil von Sprache, vgl. diesen Beitrag.
3VDS-Gründer Walter Krämer, vgl. hier; ab Minute 11’55“; bitte beim Ansehen Brechtüte bereitlegen!
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