Gestern las ich im Onlineangebot der LVZ (Leipziger Volkszeitung) einen Artikel über die Laktoseintolleranz des Neandertalers. Wissenschaftler des „Max-Planck-Institutes für Evolutionäre Biologie“ (Ich nehme an, dass das MPI-EVA oder besser das „Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie“ gemeint ist) haben demnach festgestellt, dass beim Neandertaler „Das entsprechende Gen, das zur Verdauung von Milchzucker notwendig ist, […] bei erwachsenen Neandertalern nicht mehr aktiv“ sei. Weiter, und für mich weitaus interessanter, heisst es:

Überraschend ähnlich zum modernen Menschen sei allerdings das beim Leipziger Neandertaler-Genom-Projekt festgestellte Gen FOXP2, das eine große Rolle für die Sprachfähigkeit spiele. „Es spricht also nichts dagegen, dass auch der Neandertaler sprechen konnte“, sagte der Leipziger Wissenschaftler [gemeint ist der Leipziger Biochemiker Johannes Krause] dem Bonner „General-Anzeiger“. Auch wenn der genetische Befund für ein Sprachvermögen stehe, sei es allerdings dennoch möglich, dass die Kultur der Neandertaler keine Sprache ausgebildet habe.

[Link und Kommentar von mir]


Über die genaue Wirkung des FOXP2-Gens kann ich im Moment nicht viel sagen, ich glaube mich daran zu erinnern, dass das Gen für die Herausbildung der Feinmotorik des Artikulationsapparates verantwortlich ist, welche ihrerseits für das Entwickeln einer Sprechfähigkeit unerlässlich ist. Mich macht an diesem Zitat vor allem der letzte Teilsatz stutzig, welcher nämlich suggeriert, dass Sprache eine kulturelle Leistung ist. Meiner Meinung nach ist Architektur eine kulturelle Leistung. Höhere Literatur ist eine kulturelle Leistung, Fernsehshows sind eine kulturelle Leistung (Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich klarstellen, dass „Leistung“ für mich kein wertender — schon gar nicht zwingend positiv konnotierter — Begriff ist!), aber Sprache?

Mein Problem liegt aber wahrscheinlich tiefer. Zunächst müsste man festhalten, was man unter „kulturellen Leistungen“ — unter „Kultur“ überhaupt — versteht. Wenn der Biologe sagt, „[D]ie Kultur der Neandertaler [habe] keine Sprache ausgebildet […]”, so setzt er einen allgemein verständlichen Begriff von Kultur voraus. Die Autoren der Wikipedia definieren den Begriff „Kultur“ wie folgt:

Kultur (von lat. colere) ist im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur[…]

Was der Biologe also sagt ist, dass der Neandertaler die Sprache nicht bewusst entwickelt hat, obwohl er die (biologische) Möglichkeit dazu gehabt hätte. Um ein Urteil über diese Aussage zu fällen fehlt noch das Verständnis des Begriffes „Sprache“.

Dazu kann man zweierlei Sichtweisen in Betracht ziehen: Einmal die einzelsprachliche und zum anderen die strukturalistische. Eine Einzelsprache besteht neben einer wie auch immer parametrisierten Grammatik aus arbiträren Zeichen, also im Falle von gesprochener Sprache aus verschiedenen Einheiten von aufeinanderfolgenden Lauten, denen mehr oder weniger willkürlich eine konkrete Bedeutung zugewiesen ist. Dieser Begriff von Sprache ist tatsächlich als „kulturelle Leitung“ zu sehen.

Doch wie verhält es sich mit der anderen Betrachtung von Sprache; dem System darunter, dem, wie diese Zeichen intern organisiert und zusammengesetzt, nach welchen Prinzipien Grammatiken aufgebaut sind, welche Variablen alle Sprachen teilen? Ist auch dies eine kulturelle Leistung, wie die arbiträren Zeichen-Bezeichnetes-Beziehungen einer Einzelsprache? Meiner Meinung nach ist es das nicht, gleichwohl ich mit diesem Standpunkt eine sehr heiß diskutierte Thematik anschneide: Sprachen, wie wir sie heute kennen, haben sich über Jahrhunderte hinweg aus anderen Sprachen herausentwickelt. Betrachtet man diese Sprachen als kulturelle Leistungen, so fand dieser Sprachwandel bewusst statt („Hm, das Wort `slapen´ klingt mir zu blöd, lass uns ab jetzt `schlafen´ sagen…“). Auch sind die Spracheverwendung ebenso wie der Erberb derselben psychologisch betrachtet hochgradig automatisierte Prozesse, die uns keiner offensichtlichen Anstrengung bedarf (solange wir gesund sind), ebenso wie das Heben des linken Armes, doch wer kommt schon auf die Idee, letzteres als kulturelle Leistung zu bezeichnen?

Der Biologe, so wie er in der LVZ zitiert wird, lässt sehr wohl die Möglichkeit zu, dass er sich mit seiner Aussage nur auf den einzelsprachlichen, arbiträren Aspekt von Sprache als durch Kultur hervorgerufen bezieht, aber ebenso lässt er zu, dass auch das ganze System „Sprache“ als kulturelle Leistung eingestuft werden könnte. Der fachfremde Leser wird über diese notwendigerweise zu führende Differenzierung im Unklaren gelassen. Nun möchte ich von einem Biologen keine Linguistische Grundausbildung erwarten, jedoch gibt es am MPI EVA sehr wohl einige Kollegen, die ihn auf diesen Unterschied hätten aufmerksam machen können. Wenn es überhaupt sein Fehler war: Wie ich die LVZ und beliebige andere Medien einschätze, wird der Fehler wohl eher bei deren Redakteuren zu suchen sein, die den Biologen aus Platz- oder eigenen Verständnisgründen ungenau wiedergeben. Hach, die Welt könnte so schön einfach sein…

Advertisements