Das Tolle an Leipzig ist, dass man hier als Leseratte sein Mekka findet. Einmal jährlich im März findet hier die Buchmesse statt, neben der in Frankfurt wohl eine der wichtigsten. Ganze siebeneinhalb Stunden laufen, sitzen, warten, reden, zuhören und auf alles freuen, was des Lesers Herz begehrt. Und das des Misanthropen, Philosophen, Musikliebhabers und natürlich Sprachwissenschaftlers in mir (Ach ja, das Lesen war natürlich auch ganz nett). Doch der Reihe nach.

Zunächst war es wohl ein Fehler, so zeitig am Morgen zur Buchmesse zu fahren, wir waren so gegen 10:30 Uhr da. Zeitgleich mit ganzen Heerscharen von Schülern, die von eifrigen Deutschlehrern auf das neue Messegelände verfrachtet wurden. Die „Begeisterung“ stand den meisten Schülern deutlich ins Gesicht geschrieben. Neben diesen Auswüchsen der Gattung Mensch gab es aber noch eine zweite Gruppe von Kindern (ein „Kind“ ist bei mir alles, was noch keine 20 Jahre alt ist): dem zeitgenössischen Manga-Fan. Diese Exemplare zeichnen sich durch farbenfrohe oder schwarze Kostüme, grellbunt gefärbte Haare sowie Katzenohren und -schwänzen aus. Neben Weiterem. Vielleicht ist es wichtig zu erwähnen, dass sich auf der Buchmesse eine halbe Halle dem Thema Manga, Comic, Rollenspiel und Fantasy widmet, aber warum nicht, jedem sein Resort.

Das nächste, was mir wiederfuhr war, dass ich einen alten Bekannten auf der Buchmesse traf. Welch ein Zufall, und nun kommt der Part für den Philosophen in mir: oder doch kein Zufall? Vielleicht hat das Ganze nichts mit Zufall zu tun, sondern mit unseren Entscheidungen, die wir treffen. Den Menschen, den ich traf, kenne ich vielleicht nur desshalb, weil wir Interessen teilen, wie lernten uns immerhin im Studentenchor kennen und er blieb mir in Erinnerung weil ich wusste, dass er ebenfals eine Vorliebe für Bücher im weitesten Sinne hat. An sich nichts weltbewegendes, ich denke jedoch, es gibt einen weiteren Grund, warum wir Menschen an den unmöglichsten Orten wiedertreffen: weil wir sie kennen. Dieser Gedanke kam mir ebenfalls heute. Als wir längere Zeit in der Schlage vor dem Crepes-Stand warteten beobachtete ich beiläufig einen jüngeren Menschen und überlegte, ob der Mensch ein er oder sie war (beim Warten hat man ja sonst nichts zu tun und Menschen beobachten um mich insgeheim oder offen über sie lustig zu machen ist eines meiner Hobbies). Etwa zwei Stunden später sah ich den selben Menschen wieder, als wir von einer in eine andere Messehalle gingen. Die Frage ist, ob mir das aufgefallen wäre, wenn der Mensch nicht in irgend einer Weise mein Interesse geweckt hätte. (Ich hab übrigens nicht rausgekriegt, ob es ein er oder eine sie war). Sollte man mal drüber nachdenken…

Meine musikalischen Vorlieben schliessen verschiedene Ostrock-Bands ein. Eine der bekanntesten sind die Pudhys (das Lied „Perlenfischer“ gehört wohl zu dem Besten, das meine Ohren je zu sehen bekommen haben). Diese waren heute gleich auf mehreren Veranstaltungen auf dem Messegelände zu bestaunen, leider nicht musikalisch sondern nur zur Bewerbung ihrer Bandbio. Eine der Veranstaltungen war der Live-Mitschnitt einer ZDF-Sendung namens aspekte. Interessant zu beobachten, wie die Uralt-Rocker einer in meinen Augen schlecht( vorbereitet)en Moderatorin auf der Nase rumtanzen, wer sich’s anschauen will: link.

Aber auch der Sprachwissenschaftler in mir kam zum Zug. Bei meinen alten Freunden vom Deutsche Sprachwelt Verein für Sprachpflege e.V. verbrachte ich eine nette Stunde mit einem Fränkisch(nicht Bairisch!)sprechenden Deutschschützer. Als ich mich etwas in Rage geredet hatte und ihm sagen musste, dass ich Linguistik studiere vergaß er seine Ambitionen und erzählte mir von seinem Fach: er sei Anwalt. Dann redete er einige Minuten über Rechtssprache, und sein Bedauern, dass heutzutage Gesetzestexte viel zu schwammig formuliert würden, Texte aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, die teilweise noch Gültigkeit besitzen, seien da viel genauer. Es verstünde zwar keiner auf Anhieb, aber trotzdem seien sie präzise und verhinderten, dass man jeden Einzelfall einzeln niederschreiben müsse. Kommunikativer Sinn verfehlt, setzen, sechs. Auf meine Fragen, ob er den Unterschied zwischen Sprachverwendung und Sprache, was er überhaupt unter „Sprache“ und ob er etwas von „Lexik“ verstünde, antwortete er leider ausweichend. Hätte mich mal interessiert… Ach ja, und natürlich war es ein Verdienst der Sprachkritik, dass das Französische heute nur noch in so wenig Lehnwörtern vertreten und dass McDonald’s und Douglas heute deutsche Slogans haben, das habe ich heute gelernt.

Sollte sich einer von euch (so es „euch“ gibt) dazu durchringen, auch zur Buchmesse nach Leipzig zu kommen, hier ein paar Tipps:

  • Regenschirm mitbringen
  • Was zutrinken oder viel, viel Geld mitbringen
  • Auch zu empfehlen ist ein Teaser oder ein Schlagstock oder Ähnliches, um durch die Massen kameraumgebener V.I.P.s, Kinder und Menschen durchzukommen
  • Einen tragbaren Papierkorb, um die Unmengen Werbematerial und Flyer ordnungsgerecht unterzubringen
  • Ansonsten ein dickes Fell und viel, viel Geduld… ach ja, und jede Menge Geld für Essen und Trinken, wer sich (wie wir) sowas nicht selbst mitbringt.
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