Zu meinem täglichen Aufwachritual gehört das Lesen verschiedener Blogs und RSS-Feads. Eines davon ist das Online-Nachrichtenangebot der Tagesschau. Um die sonst eher trockenen Inhalte der Tagesschau etwas aufzulockern, gibt es dort eine Rubrik „Schlusslichter“, in welcher Kuriositäten und andere zum Schmunzeln anregende Themen dargestellt werden. Heute Morgen las ich jedoch etwas, was mich nicht unbedingt zum Lachen brachte: Schlusslicht: Mit dem Phrasenbuch zurück in die Zukunft.

In diesem kurzen Artikel geht es um ein vermeintliches „time traveller’s phrasebook”, also einem Phrasenbuch für Zeitreisende, an welchem „Sprachforscher“, gemeint ist die Gruppe um den britischen Evolutionsbiologen Mark Pagel von der Universität Reading, UK, derzeit schreiben sollen. Die Tagesschau beruft sich dabei auf diesen Artikel in der Times vom 26. Februar diesen Jahres.

Nun ist es natürlich sehr zu begrüßen, wenn Medien über sprachwissenschaftliche Themen schreiben anstatt sich ausschliesslich auf die Meinungen von Sprachkritikern und dem mehr oder weniger drohenden Verfall von Einzelsprachen zu stürzen, jedoch befürchte ich, dass durch solche Artikel die (historisch-vergleichende) Sprachwissenschaft indirekt zur Pseudo- oder Junk-Wissenschaft deklariert werden könnte.

Doch der Reihe nach. Der Tagesschau-Artikel beginnt mit den Worten

Exotische und noch weitgehend unentdeckte Reiseziele haben ihren besonderen Reiz – aber auch ihre speziellen Anforderungen. Eine der zentralen Fragen ist es, wie man sich mit der lokalen Bevölkerung verständigt. Dieses Problem verschärft sich noch, wenn nicht nur Reisen an andere Orte, sondern auch für Trips durch die Zeit möglich sein werden. Doch zum Glück gibt es die Sprachforscher der britischen Universität Reading. Auch wenn noch nicht alle technischen Details des Zeitreisens endgültig gelöst sind, haben sie vorsichtshalber schon mal einen Sprachführer für die Eiszeit entwickelt.

Weiterhin heisst es:

Dafür haben die Wissenschaftler jene Worte herausgesucht, von denen sie glauben, dass sie sich über die letzten 10.000 Jahre am wenigsten verändert haben, berichtet die „Times“: „Ich“, „du“, „wer“, „zwei“, „drei“ und „fünf“.

Zunächst geht man tatsächlich davon aus, dass die genannten Lemmas sprachgeschichtlich sehr stabil sind, sich also auch über hunderte Generationen hinweg nicht oder nur wenig verändern. Deshalb sind die genauen Lautungen eben dieser Begriffe auch wichtige Daten in der diachronen Sprachwissenschaft: Stimmen in zwei Sprachen die Äquivalente solcher stabilen Begriffe weitestgehend überein, kann man mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit von einer Verwandschaft der beiden Sprachen ausgehen. Alleinige Übereinstimmungen in weniger stabilen Begrifflichkeiten lassen dagegen eher auf Sprachkontakt, Entlehnung oder Zufall schliessen. Die Thematik greift somit ein wichtiges Werkzeug der diachronen Sprachwissenschaft auf, dessen genaue Erläuterung und Erklärung ich von einem Format wie der Tagesschau eigentlich erwarte. Der Leser des Tagesschau’schen Online-Angebotes wird jedoch über diese Informationen im Dunkeln gelassen. So verwundert es nicht, wenn dem Leser unison mit den Tagesschau-Autoren die Frage kommt:

Was seitdem mit den Zahlen „eins“ und „vier“ geschehen ist, verraten die Forscher jedoch nicht.

Naja, genau gesagt verraten das die Kollegen der Times-Redaktion nicht, die sich im Übrigen auch gar nicht erst die Frage danach stellen. Die Sprachwissenschaft hat sehr wohl Antworten auf diese Fragestellung, wenngleich ich an dieser Stelle in Ermangelung valider Online-Quellen eine Antwort vorerst schuldig bleiben muss. (Eine einfache und direkte Antwort ist wohl, dass die betreffenden Wörter sich im Laufe der Zeit stärker gewandelt haben, weil sie weniger stabil sind…).

Was genau die Wissenschaftler um Mark Pagel erforscht haben, muss vorerst im Dunkeln bleiben. Der bei der Times verlinkte Verweis auf die entsprechende Projektseite ist gegenwärtig offline. Vielleicht auch ein Grund, warum die Tagesschau-Autoren so einen schlecht recherchierten und unfundierten Mist ungenauen Artikel abliefern.

Meiner Meinung nach ist der tagesschau-Artikel ein schönes Beispiel dafür, wie man seriöse Wissenschaft ins lächerliche ziehen kann. Vielleicht stößt der Artikel ja auch den ein oder anderen Leser dazu an, sich intensiver mit diachroner Sprachwissenschaft auseinander zu setzen, auch Parodie kann ja in dem ein oder anderen Fall zum Wecken von Interesse am parodierten beitragen. Wie ich den Durchschnittskonsumenten moderner Massenmedien aber einschätze, wird er sich wohl damit zufrieden geben, die Sprachwissenschaft als ein Gebiet abzustempeln, welches nichts besseres zu tun hat, als ein Wörterbuch für Zeitreisende zu verfassen, anstatt sich wirklich wichtigen Themen, wie dem schleichenden Verfall der „Deutschen Sprache“ durch böswillige Anglizismen Einhalt zu gewähren, zu widmen.

Dennoch ein Lichtblick zum Abschluss: Wesentlich seriöser geht das österreichische Blatt „Die Presse“ mit der Thematik um.

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