Ich persönlich halte die Wikipedia für ein kleines Wunderwerk des „Informationszeitalters“. Die Idee an sich ist revolutionär: Viele Leute tragen ihr gesammeltes Weltwissen in einer Online-Enzyklopädie zusammen und erschaffen somit einen frei zugänglichen Querschnitt allen Wissens. Ich selbst schreibe auch in der Wikipedia mit, so es meine Zeit zulässt (natürlich hauptsächlich zu linguistischen Themen). Ich habe dafür ganz persönliche Gründe: Zunächst ist es meine tiefe Überzeugung, dass ich mein Wissen, welches aus öffentlicher Hand finanziert erlange, auch mit der Öffentlichkeit teile, und gerade Artikel zu sprachwissenschaftlichen Spezialthemen (wie Grammatiktheorien, Modelle der Kognitionswissenschaft und Psycholinguistik oder nicht-schulgrammatische Fachtermini) haben einen starken Nachhole- und Ergänzungsbedarf in der deutschsprachigen Wikipedia. Zum Anderen hat das Schreiben von Wikipediaartikeln für mich eine nicht zu unterschätzende self-monitoring-Funktion: Durch das für den Laien verständlich zu beschreibende Erklären von Theorien und Modellen fühle ich mich gezwungen, mich intensiv mit diesen auseinanderzusetzen, sie selbst zu verstehen und deutlich wiedergeben zu können. Auf diese Weise bleiben die Themen in meinem sehr löchrigen Kopf hängen, Marslen-Wilsons Kohortenmodelle sind nur ein Beispiel, was sich in zunehmenden Maße auch auf mein Studium (und inbesondere, aber nicht nur, auf die Klausurergebnisse) auswirkt… Also möchte ich die Gelegenheit nutzen, von einer kleinen Anekdote zu berichten.

In diesem Semester besuchte ich ein Modul in der Afrikanistik, welches bei uns zum wahlobligatorischen Bereich gehört. In einer der beiden Seminare ging es um eine „Einführung in die allgemeine Sprachwissenschaft“, also der einzelphilologischen Variante dessen, was ich als Kernfach mache. Jeder Bereich wurde im Schnelldurchlauf abgegrast, so also auch die verschiedenen Syntaxtheorien. Die Dozentin, selbst eben erst mit dem Studium fertig und zu meinem persönlichen Bedauern eher an Typologie interessiert, versuchte es mit interaktivem Unterricht und gab jedem von uns ein Bündel Zettel mit verschiedenen Lexikon-Einträgen zu bekannten Syntaxmodellen (darunter Schwergewichten wie die traditionellen „generativen“ Transformationsgrammatiken, GB, GPSG/HPSG, LFG oder OT), liess uns Grüppchen zu etwa 3-4 Mann bilden und etwa 20 Minuten Zeit, die Artikel in diesen Gruppen durchzuarbeiten um sie anschliessend, „so in 10 Minuten“, den jeweils anderen vorzustellen.

Da ich meine sozialen Kompetenzen eher geringschätze und Gruppenarbeiten per se ablehne oder zumindest zu umgehen versuche, setzte ich durch, allein arbeiten zu können und suchte mir den Artikel zur OT heraus. Schon beim Lesen kam mir der Text ungewöhnlich vertraut vor, so überraschte es mich nicht, als ich die Quellenangabe las und zu meinem erquicklichen Erfreuen „aus: Wikipedia“ lesen durfte. Um es kurz zu machen: Ich verriet der Dozentin nicht, dass der Artikel zu 90% in seiner jetztigen und seitdem nahezu unveränderten Form von mir selbst stammt. Ich hatte ihn vor etwa zwei Jahren, damals noch unter meinem alten Benutzernamen, von einem laien-unverständlichen und unvollständigen Stub zu einem halbwegs brauchbaren (und meiner Meinung nach immer noch ziemlich schwer zu verstehenden) Vollartikel ausgebaut.1

Als ich den Artikel schrieb, war Wikipedia für mich nur ein kleiner Zeitvertreib und die Befriedigung meiner sozialverantwortenden Bedürfnisse (s.o.), spätestens seit diesem kleinen freudigen Ereignis fühle ich, dass meine Arbeit doch mehr Früchte trägt als ich es bis dahin dachte und dass meine wikipädische Arbeit in gewisser Weise so doch ein klein wenig Anerkennung findet.

Vielleicht noch ein kritisches Wort zum Abschluss: diese Art der akademischen Quellenarbeit mag zur Einführung in ein Thema ausreichend sein, jedoch sollte man sich immer bewusst sein, dass Wikipedia jedem Depp zur fast freien Bearbeitung offen steht (ich selbst schreibe immerhin auch mit) und dass sich gerade dadurch auch mal Blödsinn, Unwahrheiten oder Unvollständigkeiten durchsetzen können, die bei allzu unkritischer Betrachtung ihren Weg in die akademische Lehrarbeit finden. Und gerade Einzelphilologen – auch wenn es arrogant klingt/ist – studieren ihr Fach nicht, um sich mit tollen Modellen der Theoretischen kritisch auseinander zu setzen.


1ich weise an dieser Stelle darauf hin, dass der OT-Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia noch unvollständig bzw. auch teilweise fehlerhaft ist.

Advertisements