Gerade las ich einen eher weniger interessanten Beitrag über einen Fall, der gerade die Staatsanwaltschaft Ellwangen beschäftigt hatte. Es ging um das Hissen einer deutschen Flagge mit einer Banane darin, welche als Missbrauch von staatlichen Symbolen zur Anzeige gebracht wurde. Die Flagge wurde daraufhin von der Kripo eingezogen und der Fall der Staatsanwaltschaft übergeben (welche das Verfahren nach ganzen drei Monaten einstellte).

Weit interessanter finde ich dagegen einen Satz am Ende des Artikels:

Das Corpus Delicti hat Erich Dierolf nach eigenen Angaben noch nicht zurück und so weht derzeit noch die Ersatzflagge vor seinem Haus.

Genauer gesagt, den ersten Teilsatz.

Nun ist die Verwendung des Verbes „haben“ in Verbindung mit „zurück“ in der Bedeutung „wiedererlangen“ oder „zurückbekommen in der Umgangssprache sicherlich reichlich oft anzutreffen, jedoch hat mir den Satz zu verstehen beim ersten Lesen zunächst Probleme bereitet. Seither beschäftigt mich die Frage nach dem „warum eigentlich“.

Das wohl größte Korpus für Umgangssprache ist wahrscheinlich google.search. Die Suche nach dem String „zurückhaben“ spuckt knapp 300.000 Treffer aus, wobei verschiedene Schreibweisen wie „Zurück haben“ oder „zurückhaben“ berücksichtigt werden und die angezeigten Sätze in den meisten Fällen mittels eines Hilfsverbes wie „möchte“ oder „will“ gebildet sind. Die Suche nach „zurückhat“, also die flektierte Vorm des Verbes „zurück haben“, kommt auf ganze 402 Treffer. Sucht man dagegen nach „zurück hat“ kommt man auf etwa 57.000 Treffer, wobei diese aber meistens Sätze der Form „Er will mich zurück – hat das noch Sinn“ betrifft.

Nun ist mir natürlich klar, dass diese Art der Korpusanalyse jede Menge Fehler zulässt und Probleme bringt (Beispielsweise kann „zurückhaben“ in Hauptsätzen auftauchen, wenn es mit einem Auxilliar- oder Modalverb verbunden ist, „zurückhat“ jedoch nur in Verbletzt-, also Nebensätzen, weil es sonst „X hat Y zurück“ heißen müsste), jedoch ist eine grobe Tendenz durchaus ablesbar: die durch Modal- und Auxiliarverben begleitete Infinitivform „zurückhaben“ ist weitaus frequenter als die Verwendung als Vollverb. Martin Haspelmath würde das wohl als einen typischen Frequenzeffekt bezeichnen, der sich hier auf die Verarbeitung auswirkt und in meinem speziellen Fall zur Notwendigkeit eines nochmaligen Nachlesens geführt hat um den Inhalt der Aussage zu erfassen. Jedoch wäre ich mit einer solchen Erklärung nicht zufrieden, immerhin beschäftigt mich die Frage, warum die Verwendung der Infinitivform denn häufiger ist als die der flektierten Form.

Mein Ansatz wäre, dass die Frequenz hier eine Folge der Verarbeitbarkeit ist, also dass eine Phrase, die schwer zu verarbeiten ist, entsprechend weniger verwendet wird. Die Frage ist also, warum Sätze der Form „X hat Y zurück.“ so schwer zu erfassen sind.

Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass flektierte Formen von „haben“ auf Grund der deutschen Grammatik häufig als Auxiliare für Perfekt-Konstruktionen gebraucht werden (“Er hat das Buch gelesen), man erwartet also beim Wahrnehmen solcher Sätze tendenziell, dass ein Verb im Infinitiv am Ende des Satzes folgt. In diesem konkreten Beispiel könnte so ein Verb „bekommen“ sein („Das Corpus Delicti hat Erich Dierolf nach eigenen Angaben noch nicht zurück (bekommen)…“). Damit würden sich die Probleme beim Verstehen mit dem Garden-Path-Effekt (zu Deutsch: Holzwegeffekt) erklären lassen. Steht „zurückhaben“ dagegen nach einem Modalverb, ist der Kontext für diesen Effekt nicht gegeben, es würden also keine Verarbeitungsprobleme erwartet werden.

Eine alternative Erklärung könnte sein. dass es sich bei den „hat zurück“-Konstruktionen syntaktisch um Ellipsen handelt, die von Hörenden mental zurückgesetzt werden müssen (i.e. das „bekommen“ müsste von Hörer mental erschlossen und ergänzt werden), was sich wiederum in einer verzögerten oder gestörten Verarbeitung niederschlägt. Dies würde jedoch nicht das relativ häufige Auftauchen der Modalverb-Infinitiv-Variante erlären, da hier, aus rein semantischer Sicht zumindest, auch ein „bekommen“ fehlen würde.

Für alternative Erklärungsvorschläge bin ich natürlich offen.

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