Wenn man Linguistik studiert und das einem Außenstehenden erzählt, kann man sich mental darauf vorbereiten, mindestens eine der drei folgenden drei Fragen (meisst alle drei in genau der Reihenfolge) beantworten zu müssen:

  1. Was ist das denn?
  2. Sprachwissenschaft? Toll, welche Sprachen sprichst du denn alles?
  3. Und was kannst du später mal damit machen?

Zumindest die letzte Frage ist dabei nicht leicht zu beantworten, vor allem, wenn man sich auf theoretische Linguistik konzentriert. Außerhalb der Forschung fallen mir spontan kaum Beschäftigungsbereiche für einen theoretischen Sprachwissenschaftler ein. Doch auch wenn man in die Forschung geht, lässt sich nicht immer auf Anhieb sagen, worin der allgemeine Nutzen der Theoretischen liegt. Unter den Linguisten in Leipzig (und sicherlich auch anderso) hat sich für diese nicht ganz unberechtigten Zweifel an der Sinnhaftigkeit, theoretische Linguistik zu betreiben, der Begriff Sinnkrise eingebürgert.

Ins Bewusstsein gerufen hat mir dieses Problem das vergangene Wochenende. Ich fuhr zusammen mit unserem Fachschaftsrat, einigen Kommilitonen und ein paar Erstsemestern nach Wernigerode im Harz zur traditionellen „Erstifahrt“, also ein Wochenende zum Kennenlernen und zum Zeigen, wie Linguistik an der Uni Leipzig fernab der (theorielastigen) Einführungsveranstaltungen im ersten Semester betrieben wird. In der allgemeinen Vorstellungsrunde sollten die Teilnehmer erklären, wer sie sind, wiviele Kühe sie haben und was sie dazu bewogen hat, Linguistik zu studieren. Bei den meissten war der Standardspruch „Ich wollte was mit Sprachen machen“ zu hören (Ein ähnliches Phänomen lässt sich übrigens auch in der Informatik beobachten: „Ich wollte was mit Computern machen und – Oh mein Gott, das hat ja was mit Mathematik zu tun…“). Doch mache seitdem auch ich mir so meine Gedanken, was wohl meine Motivation ist, Linguist im allgemeinen und theoretischer im speziellen zu werden.

Zumindest im moralischen Aspekt fand ich eine erste Antwort. Theoretische Linguistik ist ein Fachgebiet, welches keinen offensichtlichen Nutzen für die Menschheit hat. Im Prinzip geht es um reinen Erkenntnisgewinn innerhalb eines künstlichen Systems („Grammatik“), welches auf ein real existierendes System („Sprache“) angewandt wird. Was aber keinen Nutzen bringt, lässt sich auch nicht missbrauchen. Ich persönlich tröste mich vorerst damit, dass die theoretische Linguistik eine friedliche Wissenschaft ist, die sich nicht zu einer Waffe, einem Machtinstrument, wirtschaftlichen oder sonstigen unmoralischen Zwecken entfremden lässt.

Ob sich jedoch diese Motivation in Anbetracht von dokumentarischer Feldforschung (vgl. SIL) oder Psycholinguistik (pdf) für die gesamte Linguistik aufrechterhalten lässt, wage ich vorerst nicht zu beurteilen.

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