Als mir so nach und nach klar wurde, was Linguistik in Leipzig zu studieren so genau bedeutet, war ich erstmal ganz hingerissen von den Möglichkeiten, welche „Art“ Sprachwissenschaftler man so werden kann. Leipzig hat für jeden was zu bieten: Für den formelbesessenen Theoretiker der Bereich der theoretischen Sprachwissenschaft im Institut für Linguistik an der Uni, für den Typologen der typologische Fachbereich oder wahlweise das Institut für Linguistik am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, und für eher experimentierfreudige Psycholinguisten der gleichnamige Fachbereich sowie das MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften.

Nun wäre es natürlich weltfremd, wenn alle Leute einer Meinung wären und sich bedingungslos gegenseitig unterstützten, zumal man mit vermeintlich ähnlichen Forschungsgegenständen arbeitet. Was mich allerdings etwas überrascht hat, sind die kleinen Sticheleien zwischen Anhängern wenigstens zweier Bereiche. Während ich mir bei den meissten Psycholinguisten nicht sicher bin, wie sie sich positionieren, sind es vor allem die Theoretiker der Uni auf der einen und die Typologen der Uni sowie die Mitarbeiter des MPI-EVA auf der anderen Seite, zwischen denen so eine Art „Hassliebe“ besteht. Das gegenseitige buhlen um die eigenen Anhänger und das gleichzeitige niedermachen der gegnerischen Seite lässt sich bei beiden Lagern beobachten—und beschränkt sich keineswegs auf die Studentenschaft!

Zunächst unterscheiden sich beide Lager in der Art der Dogmen: während die Typologen überwiegend „funktionalistisch“ (bzw. „konstruktionalistisch“) eingestellt sind, ist der grammatiktheoretische Bereich fast durchweg „generativ“ orientiert, wie auch immer man diese Begriffe verstehen will. Vor einigen Monaten hat John Searle im EVA einen Vortrag gehalten. Vor dem Vortrag trafen wir uns im Foyer des MPI und unterhielten uns, dabei waren Anhänger beider Lager. Auf meinen Kommentar „eigentlich müsste man mal Noam Chomsky zu einem Vortrag ins MPI einladen“ antwortete ein Typologe sinngemäß: „der würde doch, sobald er durch die Tür tritt, vom Blitz getroffen werden“.

Ganz eng damit zusammen hängen die Vorwürfe, die man sich gegenseitig macht. Während die Grammatiktheoretiker aus Sicht des gemeinen Typologen „Anhänger einer antiquierten und dogmatischen Lehrmeinung, für die sich nicht der geringste empirische Beweis finden lässt und vollständig auf unhaltbaren Annahmen basiert“ sind, gilt unter Grammatiktheoretikern der Grundsatz: „wer zu blöd ist eine Grammatiktheorie zu verstehen wird Typologe“.

Der eigentliche Punkt der ewig währenden Auseinandersetzung ist also weniger die Unterscheidung „Grammatiktheoretiker vs. Typologe“ sondern vielmehr „‚generativer` Grammatiktheoretiker vs. alle Anderen“. So bezeichnet sich beispielsweise Martin Haspelmath selbst als „Grammatiktheoretiker“, wobei ich ihn in obiger Taxonomie eindeutig in die Kategorie „Typologe“ einordnen würde („Die generative Grammatiktheorie würde … sagen, aber die wird es in spätestens 10/15 Jahren eh nicht mehr geben“).

Das Bachelor-System, welches an der Uni hier in Leipzig vertreten wird, greift in diesen natürlichen Diskriminierungsprozess regulierend ein: Das erste Semester, für die Kernfächler Linguistik, besteht ausschliesslich aus Veranstaltungen des theoretischen Bereiches, aber der ist wenigstens vollständig abdgedeckt: Da wäre das Einführungs-Modul, bestehend aus einer Logikvorlesung und einer zu den Grundlagen der Linguistik (i.e. die theoretischen Grundlagen) und das „Morphologie-Phonologie“-Modul. Die weniger theorielastigen Module beginnen frühestes ab dem zweiten Semester, für die Typologenseite wohl kritikwürdig, da potentielle Anhänger durch die geballte Theorie-Einführung möglicherweise frühzeitig abgeschreckt werden. Nicht dass ich das persönlich bedauern würde…

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