Für jemanden, der mit dem Vorsatz ins Studium gestartet ist, Wissenschaftler zu werden, sind Selbstreflexion und -kritik wichtige Eigenschaften. Und zu viel, auch das weiß ich aus eigener Erfahrung, ist behindernd… Zunächstmal: das Internet wird heute nicht abgeschalten, tagesschau.de hat den gestrigen Eintrag inzwischen als Aprilscherz bestätigt. Die unzähligen besorgten Nutzer, die gestern meine Besucherstatistik temporär in die Höhe schnellen ließen, können also beruhigt sein. Als ich gerade nochmal in meinem Blog vorbeischaute, fiel mir allerdings etwas anderes ins Auge, was meine linguistische Aufmerksamkeit geweckt hat: Die von mir verwendete Perfektform von abschalten
abschalten ist, so wie die meisten Verben im Deutschen, schwach. Schwache Verben zeichnen sich dadurch aus, dass sie stinklangweilig und regelmäßig flektiert werden: Es findet kein Ablaut statt, wenn man die Zeitform wechselt, die Vergangenheitsformen werden durch ein eingeschobenes /tə/ markiert, und das Partizip II wird durch ein vorangestelltes oder eingeschobenes /gə/ plus der Endung /t/ gebildet. Die Partizip II-Form eines Verbes verwendet man in der Regel in Kombination mit Hilfsverben wie haben (im Perfekt), sein (Perfekt bzw. Passiv) oder werden (Passiv, nicht im Futur). Ich will mich an dieser Stelle nicht dazu äußern, inwiefern sein und werden was Unterschiedliches ist.
Starke Verben, wie zum Beispiel gehen, verwenden dagegen bei der Bildung von bestimmten Formen eine so genannte Ablautreihe, das heisst im Endeffekt, dass sich der Stammvokal nach einem bestimmten Schema ändert. Das sind drei Vokale, wobei der erste dem Stammvokal entspricht, der in der Gegenwartsform verwendet wird, der zweite dem, der in der Vergangenheitsform auftaucht und der dritte der Stammvokal der Partizip-II-Form. Je nach Zählung gibt es im Deutschen etwa 40± solcher Ablautreihen, manche sagen es seien mehr, andere sagen, es seien weniger. Die Ablautreihe für gehen ist beispielsweise e-i-a: ich gehe, ich ging, ich bin gegangen. Ein weiterer Unterschied besteht beim Partizip II im Suffix, also der Endung: Statt /-t/ verwenden diese Verben /-ən/. Daneben gibt es noch einige Verben, die irgendwo zwischen den starken und schwachen liegen (wenn man so will halbstarke Verben), sie verwenden eine Ablautreihe ansonsten aber die Endungen der schwachen Verben. Dazu zählt z.B. wollen (ich will, ich wollte, ich habe gewollt). Nun bin ich kein Germanist und hab mich mit der deutschen Sprache nur in einigen Aspekten beschäftigt. Wer mehr linguistisches über die deutsche Grammatik lesen möchte sei hier an Kristins Splock verwiesen.
Doch zurück zum abschalten: Die Überschrift in meinem letzen Beitrag lautete: „Morgen wird das Internet abgeschalten…“. Jetzt haben wir gelernt, dass abschalten ein schwaches Verb ist, müsste es demnach nicht „abgeschaltet“ heissen? Nun, die Kurzantwort ist: Ja, eigentlich schon… Sick & co. würden mir jetzt wohl fahrlässigen Umgang mit der deutschen Sprache vorwerfen.
Auch wenn google als Corpus für Umgangssprache nur bedingt geeignet ist, liefert es doch einen groben Überblick über die relative Häufigkeit von verwendeten Wortformen in einem geschlossen System (nämlich dem von google indizierten Internet). Zunächst die Zahlen: Der String “abgeschalten” liefert ganze 489.000, “abgeschaltet” liefert 1.060.000 Ergebnisse. Nach einer sehr oberflächlichen Betrachtung der ersten paar Ergebnisseiten lässt sich außerdem beobachten, dass abgeschalten hauptsächlich in Foren, Blogs und anderen, von nicht-/semiprofessionellen Schreiberlingen geführten Seiten verwendet wird, wohingegen das „korrekte“ abgeschaltet vornehmlich auf professionellen Seiten auftaucht. Aus dieser Beobachtung könnte man die Vermutung treffen, dass eine journalistische Ausbildung etwas zur Verbreitung der abgeschaltet-Form beiträgt; dass also ein Schreiber, der auf Grund einer Ausbildung „abgeschaltet“ verwendet, unter Umständen „abgeschalten“ verwenden würde, wenn er seine Ausbildung nicht genossen hätte. Das ist aber reine und unnachweisbare Spekulation, weswegen ich diesen Gedanken verwerfe und mich an den gegebenen Zahlen zunächst rein quantitativ orientiere.
Die google-Ergebnisse zeigen, dass etwa ein Drittel der Sprecher intuitiv die „falsche“ Partizip-II-Form von abschalten verwenden. Wie könnte diese doch Recht hohe „Fehler“-Quote zu erklären sein? Zunächst könnte man sich mit der Etymologie von abschalten beschäftigen: Das Wort ist morphosemantisch von schalten abgeleitet. Glaubt man der Online-Ausgabe des Grimmschen Wörterbuches, schien das Wort schalten in einer frühen Stufe des Deutschen tatsächlich stark flektiert worden zu sein. Ich persönlich halte es jedoch generell für einen falschen Weg, eine aktuelle Sprechgewohnheit etymologisch erklären zu wollen: Die wenigsten Sprecher dürften über das nötige Hintergrundwissen verfügen, die Wahl der Wortformen auf eine sprachgeschichtliche Basis zu stellen.
Was man höchstens annehmen könnte ist, dass die „halbstarke“ Form von (ab)schalten über Generationen hinweg implizit weitergegeben wurde, auf dieselbe Weise, wie sich auch die starken Formen bis heute gehalten haben. Dann würde man wohl erwarten, dass das Verhältnis geschalten zu geschaltet relativ betrachtet ebenso ausfällt wie das von abgeschalten zu abgeschaltet. Dies ist laut google jedoch nicht der Fall: Der String “geschalten” bringt es auf etwa 111.000, “geschaltet” dagegen auf ganze 1.320.000 Treffer.
Ein weiterer Erklärungsansatz wäre Analogiebildung: Das Wort halten gleicht dem Wort schalten bis auf einem Laut (/ʃ/ v. /h/ am Wortanlaut), es flektiert jedoch stark. Doch auch hier würde man wohl erwarten, dass die „Fehlerquote“ bei der Partizip-II-Form von schalten ebenso hoch ist wie die von abschalten, da man beide Wörter auf eine abgeleitete Form von halten beziehen kann. Es gibt jedoch keinen ersichtlichen Grund, warum diese Analogiebildung zwar bei abgehalten stattfinden sollte, nicht jedoch bei gehalten.
Mir fallen im Moment keine weiteren plausiblen Erklärungen für diesen vermeintlichen Fehler ein. Unplausibel nach meinem Maßstab wäre die Erklärung der Hyperkorrektheit: Da sich Sprecher nicht sicher sind, welche Verben stark und welche schwach gebeugt werden, tendieren sie im Zweifelsfall dazu, die ungewohntere oder schwieriger zu verarbeitende Alternative zu wählen. Dies setzt jedoch voraus, dass Benutzer der Sprache explizit darüber nachdenken, welche Formen sie beim Sprechen verwenden, was jedoch in den allermeisten Fällen nicht der Fall ist, da Sprache etwas ist, was spontan und vor allem unbewusst produziert wird (wir reden hier über die Grammatik, nicht über Inhalte!).
Interessant finde ich übrigens auch, dass diese „Einstarkung“ an sich schwacher Verben nicht auf abschalten beschränkt ist: winken ist (zumindest laut Duden) ein schwaches Verb, dennoch hört man häufig gewunken. Normalerweise sagt man, dass die starke Flexion bei Verben im Deutschen nicht mehr produktiv ist. Das bedeutet, dass ein Verb, welches neu in die Sprache aufgenommen wird (z.B. durch Entlehnung aus einer anderen Sprachedem Englischen), in jedem Falle schwach ist und regelmäßig gebeugt wird. Sollten abschalten und winken keine Einzelfälle sein, müsste man diese Position wohl überdenken.
In eigener Sache
Im Übrigen hat das abschalten in der Überschrift noch eine andere Bedeutung für den linguistiker-Weblog: Dieser Eintrag hier wird einer der Letzten unter dieser Domain werden. Ich plane innerhalb der nächsten Wochen auf einen eigenen Server mit einer eigenen Domain umzuziehen, der Blog ist quasi schon verpackt und wird dorthin mitreisen. Ich kann aber noch icht genau sagen, wann der Umzugstermin ist.
2. April 2010 at 15:18 (1270221526)
Ein germanistisches Thema, da stürze ich mich natürlich sofort drauf …
Ja und warum nicht?
Das Zauberwort heißt meines Erachtens, wie bei den starken Formen, Frequenz. Und da die Partizipien auch adjektivisch verwendet werden können, sind sie zum einen frequenter und zum anderen gewinnen sie mehr “Selbständigkeit” als beispielsweise das Präterium, das ja in weiten Teilen Deutschlands gesprochen überhaupt nicht mehr auftritt. Beste Voraussetzungen zu ihrer Bewahrung also.
Es gibt da eine Skala zum graduellen “Stärkeverlust” starker Verben von Nübling, aber ich bin momentan fern von meinen Büchern. Ziemlich am Anfang steht auf jeden Fall der Abbau im Imperativ (also von wirf zu werf) und ziemlich am Ende der Abbau im Partizip. Damit kann man die Phänomene, die Du hier als “halbstark” bezeichnest, ziemlich schon erfassen.
Das ist mE zu kurz gegriffen, der Verlust der “Stärke” muss doch nicht zwingend parallel verlaufen?
Das ist ein Verständnis von Hyperkorrektur, das ich gar nicht teilen kann. Hyperkorrektur hat mE in den wenigsten Fällen mit bewusster Sprachreflexion zu tun, auch wenn Korrektur intentional klingt.
Zu winken das Grimmsche WB:
Es handelt sich also nicht um ein neues Phänomen, sondern um ein schon ziemlich altes.
Produktivität der starken Verben lässt sich daraus mE nicht ableiten. Die Stärkung schwacher Verben gab es zwar in der deutschen Sprachgeschichte gelegentlich, aber in so geringer Zahl, dass sie wirklich nicht ins Gewicht fallen und oft dialektal/regional beschränkt blieben und bald wieder verschwanden.
Liebe Grüße,
Kristin.
2. April 2010 at 15:58 (1270223916)
Du bist da in der Hinsicht wohl wesentlich besser informiert als ich.
was den Vergleich zwischen geschalten und abgeschalten angeht, nunja, wenn die Entwicklung da nicht parallel verläuft birgt das einige interessant Konsequenzen für die Frage, ob abschalten beim sprechen live aus schalten generiert wird oder ob beide Stämme unabhängige Einträge im mentalen Lexikon sind. Bei ersterem würde ich eine Parallelentwicklung wohl nicht erwarten…
2. April 2010 at 19:47 (1270237650)
*hehe* Ich wollte eigentlich gar nicht mit so viel Text zuschlagen, sorry, sieht etwas massiv aus. (Dabei habe ich sogar den Teil wieder gelöscht, in dem ich Dir erzählt habe, dass wollen ein Präteritopräsens ist … *arg* siehst, ich kann’s nicht lassen!)
Zum Lexikon:
Hast Du da was vertauscht? Man würde doch eine Parallelentwicklung dann erwarten, wenn es letztlich nur einen Lexikoneintrag gibt, aus dem das Partikelverb generiert wird?
(Woran ich übrigens nicht glaube.)
Oder meinst Du was anderes?
2. April 2010 at 23:40 (1270251647)
Ähm… ich meinte mit “Parallelentwicklung” eigentlich sowas wie unabhängg-voneinander-Entwicklung… (gibt es dafür eigentlich ein Wort?!?) Aber hast Recht, wenn ich mir den Begriff „Parallelentwicklung“ so überlege, hätte ich auch von selbst drauf kommen können, dass er das Gegenteil von dem bedeutet, was ich eigentlich sagen wollte…
Ich hab schon früh gelernt, dass in Klammern und Fussnoten das wichtigste steht… Was spricht deiner Meinung nach denn dafür, dass „abschalten“ nicht aus „schalten“ generiert ist?